Brücke des Friedens – in Brest (2026)

Aktion Port Woling – Kenne die Ver­gan­gen­heit, um die Gegen­wart zu ver­ste­hen und Zukunft zu bewäl­ti­gen. So ist es auch mit der Geschichte von Bela­rus und sei­nem Leid im 2. Welt­krieg. Ein Kunst­pro­jekt über Brü­cken in Bela­rus half uns, die­sen Anspruch zu leben. Hier ein Bericht über das Pro­jekt deut­scher Betei­lig­ter (in Wor­ten und Fotos)


Hin­weis: Bil­der ohne Autoren­an­gabe sind vom Autor die­ses Beitrags
Arti­kel
aktua­li­siert (Bil­der, Videos) am 29.07.2026


Das Gesicht der Geschichte
getragen über eine Brücke des Friedens

Das Kunstprojekt und Motiv

In Bela­rus, einem Land der größ­ten Opfer im 2. Welt­krieg, in einem Land, in dem jeder dritte Ein­woh­ner Opfer des Hit­ler­fa­schis­mus und sei­ner Vasal­len wurde, unter­nahm eine kleine Gruppe deut­scher Künst­ler zusam­men mit Künst­lern aus Bela­rus, Russ­land und China eine Ver­söh­nungs­fahrt. Sie schu­fen in einem Kunst­pro­jekt eine Brü­cke des Frie­dens, über die das Gesicht der Geschichte von Bela­rus im 2. Welt­krieg getra­gen wird. Anlass war am 22. Juni 2026 der 85. Jah­res­tag des Über­falls auf die Sowjet­union. Pri­vat­leute aus Deutsch­land tra­ten über 2 Wochen in Bela­rus als Künst­ler und Volks­di­plo­ma­ten öffent­lich in Erschei­nung. Den Künst­lern und wei­te­ren Mit­fah­rern bot sich dabei die Gele­gen­heit, im Raum Brest an Kranz­nie­der­le­gun­gen in bedeu­ten­den Gedenk­stät­ten teilzunehmen.

Belarus - Autor: Wolfgang Kiessling - www.wolle-ing.de
Sol­da­ten von Brest

Der Jah­res­tag des Über­falls auf die Sowjet­union fällt in eine Zeit, die von zuneh­men­den geo­po­li­ti­schen Span­nun­gen und gegen­sei­ti­gem Miss­trauen geprägt ist. Ins­be­son­dere Bela­rus erscheint in den bun­des­deut­schen Leit­me­dien in ihrer abstru­sen Pro­pa­ganda als post­so­wje­ti­sche Dik­ta­tur. Dabei genießt die Füh­rung des Lan­des eine hohe Akzep­tanz unter der Bevöl­ke­rung, wie ich immer wie­der erlebte. Kaum bekannt ist, dass die bela­rus­si­sche SSR im Zwei­ten Welt­krieg den größ­ten Blut­zoll zu tra­gen hatte. Drei Mil­lio­nen Men­schen, davon 700.000 weiß­rus­si­sche Juden fie­len den faschis­ti­schen Hor­den zum Opfer. Im Krieg zur soge­nann­ten “Par­ti­sa­nen­be­kämp­fung” wur­den ganze Dör­fer mit wehr­lo­sen Dorf­be­woh­nern, vor allem Alten, Frauen und Kin­dern, vernichtet.

Das Aus­maß die­ser deut­schen Ver­bre­chen ist vie­len Bun­des­bür­gern bis heute nicht bewusst.

In der BRD gab es in der Geschichts­ver­mitt­lung an den Schu­len größte Lücken und auch fal­sche Bil­der. Eine Gruppe von Frie­dens­ak­ti­vis­ten rund um Oli­ver Schnee­mann hatte es sich im Som­mer 2026 zum Auf­trag gemacht, Auf­klä­rungs­ar­beit zu leis­ten. Eine wei­tere Gruppe um Oli­ver Schnee­mann war bereits im Jahr 2023 anläss­lich des 80. Jah­res­ta­ges des → Mas­sa­kers von Cha­tyn zu einer → Frie­dens­mis­sion nach Bela­rus gereist und nach ihrer Rück­kehr zu einem → Run­den Tisch in der bela­rus­si­schen Bot­schaft in Ber­lin emp­fan­gen wor­den. Ich war damals dabei und erlebte mit mei­ner Frau erneute die Gast­freund­schaft von Bela­rus im Raum Brest im ver­gan­ge­nen Jahr zu den Fei­er­lich­kei­ten am 8./9. Mai zum → 80. Jah­res­tag des Sie­ges über den Faschismus.

Bilder der Ausstellung und Vernissage "Das Gesicht der Geschichte" 8. bis 15.09.2024 in Köln - Werke von weißrussischen Künstlerinnen und Künstlern
Bild der Ver­nis­sage “Das Gesicht der Geschichte” in Köln

Oli­ver Schnee­mann war auch der Orga­ni­sa­tor einer → Ver­nis­sage weiß­rus­si­scher Künst­ler über den ver­ges­se­nen Völ­ker­mord der Faschis­ten in Bela­rus, die im Sep­tem­ber 2024 in Köln statt­fand. Die Aus­stel­lung zeigte Werke, die die Ver­nich­tung weiß­rus­si­scher Dör­fer wäh­rend der deut­schen Besat­zung zum Thema haben. Wei­tere Pro­jekte deut­scher Akti­vis­ten pfle­gen den Dia­log in Bela­rus, so der → Ver­ein Deutsch-Bela­rus­si­scher-Jugend­dia­log e.V.. Sie leis­ten par­al­lel Wich­ti­ges zur Auf­klä­rung durch Ver­mitt­lung von Geschichte unter Deut­schen in der BRD. Durch Oli­ver Schnee­mann wird seit Jah­ren neben die­sen Prä­sen­ta­tio­nen eine hoch ach­tens­werte, auf­wen­dige Geschichts­auf­ar­bei­tung betrie­ben – eine Auf­gabe, die das Nie-Wie­der mit Leben füllt und umso wich­ti­ger ist, ange­sichts der heute wie­der betrie­be­nen revan­chis­ti­schen Absich­ten der deut­schen Regierung.

Und das Frie­dens­werk ging und geht wei­ter. Vom 20. Juni bis 4. Juli waren die Teil­neh­mer zu zwei his­to­ri­schen Daten in Bela­rus anwe­send – zum 22. Juni, dem 85. Jah­res­tag des faschis­ti­schen Über­falls auf die Sowjet­union und zum 3. Juli., dem Tag vor 82 Jah­ren, als die Rote Armee Minsk, die heu­tige Haupt­stadt von Bela­rus, damals die Haupt­stadt der weiß­rus­si­schen Sowjet­re­pu­blik, befreite. Die bei­den Ter­mine sym­bo­li­sie­ren den Anfang und das Ende des Krie­ges für Weißrussland.

Rund um diese Anlässe galt es , auf künst­le­ri­sche Art Brü­cken zu bauen – Brü­cken zwi­schen Men­schen, Völ­kern und Natio­nen – Brü­cken der Ver­stän­di­gung, Ver­nunft und des Frie­dens. Zu ihrer Moti­va­tion lässt man die Initia­to­ren der Reise am bes­ten selbst sprechen:

“Die Ver­let­zun­gen der Völ­ker­see­len wer­den von Gene­ra­tion zu Gene­ra­tion wei­ter­ge­ge­ben und spal­ten uns. Wir füh­len uns nicht als zusam­men­ge­hö­rige Mensch­heits­fa­mi­lie, die für­ein­an­der da ist. Wir haben das Bedürf­nis, die­ser gewal­ti­gen Spal­tung ent­ge­gen­zu­wir­ken. Wir wol­len nicht den Schuld­kult näh­ren; wir wol­len ver­ei­nen. Wir möch­ten Men­schen und Her­zen mit­ein­an­der ver­bin­den und somit unse­ren beschei­de­nen Bei­trag zu Welt­frie­den, Ver­söh­nung und Hei­lung leisten.”

“Wir rich­ten unsere acht­same Auf­merk­sam­keit auf den Zwei­ten Welt­krieg und auf das heu­tige Weiß­russ­land. Wir möch­ten auf Gräu­el­ta­ten schauen, die Faschis­ten in Weiß­russ­land ange­rich­tet haben. Men­schen und Dör­fer wur­den aus­ge­löscht. Fami­lien wur­den zer­stört. Dies war ein unfass­bar dia­bo­li­scher Plan der Faschis­ten. Zwei Drit­tel der sla­wi­schen Bevöl­ke­rung soll­ten aus­ge­löscht werden.”

In der Öffentlichkeit
Drushba heißt Freundschaft

Und wie­der ging mir durch den Kopf, … wir waren gekom­men als Nach­kom­men der Täter von damals und tra­ten gegen­über den Nach­kom­men der dama­li­gen Opfer und Ange­hö­ri­gen. Wir haben es wie­der gewagt, wäh­rend deut­sche Offi­zi­elle ver­sag­ten und dem zen­tra­len Ort des Über­falls zum 85. Jah­res­tag fern blie­ben. Wir haben den Men­schen von Bela­rus wie­der ein ande­res Deutsch­land gezeigt. Vor den Ruhe­stät­ten der Opfer haben wir uns tief verneigt.

Kann man mehr Glaub­wür­dig­keit demons­trie­ren, als sich unter den Augen der Nach­kom­men der Opfer tief zu verneigen?

Nach dem Grenz­über­tritt fühlte ich mich wie­der sofort wie zuhause. Die bela­rus­si­sche Seele emp­fing uns in Freund­schaft. Ja – die Teil­neh­mer der Bela­rus-Mis­sion sind Anti­fa­schis­ten mit einer Wahr­haf­tig­keit, die grö­ßer nicht sein kann. Sie leben Anti­fa­schis­mus an die­sem Ort. Und wie­der beton­ten die Bela­rus­sen – was mich bei all dem Kriegs­ge­ras­sel und anti­rus­si­schem Gefa­sel der deut­schen Obe­ren und ihrer Leit­me­dien bis heute ver­wun­dert -, dass sie sehr wohl unter­schei­den zwi­schen den ein­fa­chen Men­schen in Deutsch­land und deren reak­tio­nä­rer, aggres­si­ver Regierung.

Unsere Reise war in Bela­rus sehr genau im Blick­feld der Öffent­lich­keit! Die weiß­rus­si­schen Medien berich­te­ten über die deut­sche Dele­ga­tion, so u. a. in fol­gen­den Beiträgen:

Auch die Mit­rei­sende Vera Dehle-Thäl­mann, Enke­lin vom Anfüh­rer der anti­fa­schis­ti­schen Arbei­ter­be­we­gung, Reichs­tags­ab­ge­ord­ne­ten und KPD-Vor­sit­zen­den Ernst Thäl­mann (ermor­det am 18.08.1944 im KZ Buchen­wald) wurde in Bela­rus sehr wohl wahr­ge­nom­men. Sie leis­tet heute poli­ti­sche Gedenk­ar­beit im inter­na­tio­na­len Ravens­brück Komi­tee, u. a. als Spre­che­rin der Lager­ge­mein­schaft Ravensbrück/Freundeskreis e.V..

Die künstlerische Arbeit

Ziel des Plein­air (der Frei­licht­ma­le­rei) «Das Gesicht der Geschichte« war es, künst­le­risch zur Bil­dung von Vor­stel­lun­gen über die wahre Geschichte des Gro­ßen Vater­län­di­schen Krie­ges bei­zu­tra­gen. Es wur­den künst­le­ri­sche Bei­träge geschaf­fen, die am Ende des Pro­jekts ein­ge­ord­net wur­den in die bes­ten Ergeb­nisse und Tra­di­tio­nen der bela­rus­si­schen Male­rei- und Gra­fik­kunst in einer zen­tra­len Kunst­aus­stel­lung in der Fes­tung Brest.

Neben den klas­si­schen Mal­küns­ten fan­den auch beson­dere künst­le­ri­sche Tech­ni­ken Anwen­dung. So nutzte der Maler Bert­ram Kor­ves für eine erstellte kon­zep­tio­nelle Bild­reihe (mit vier Bil­dern) gemah­le­nen Sand aus dem KZ Auschwitz/Auschwitz Bir­kenau und vom Jüdi­schen Fried­hof in Brest, Acryl­farbe auf Lein­wand, Tech­nik Pin­sel Spach­tel und Rakel mit Sand Ein­streu­ung – das war seine Art gedank­li­cher Rekon­struk­tion. Mar­tina Born aus Köln nutze beson­dere Tech­ni­ken zur Foto­be­ar­bei­tung, um ihre anspre­chen­den Foto­mo­tive zu spe­zi­el­len Foto-Col­la­gen zu verarbeiten.

Belarus - Autor: Wolfgang Kiessling - www.wolle-ing.de
Flug­blatt zum Buch

Inter­esse fand auch das nicht künst­le­risch, son­dern doku­men­ta­risch unter­mau­erte Werk und umfas­sende Sach­buch → “Das FASCHIS­MUS-Pro­to­koll, dass ich als Autor in Pla­nung hatte, eigent­lich hier vor­stel­len wollte, aber nun doch erst am 13.07.2026 wenige Tage nach der Bela­rus-Reise durch einen Schwei­zer Ver­lag ver­öf­fent­licht wurde. Mein Motiv für die­ses Buch war mein Leit­spruch: “Kenne die Ver­gan­gen­heit, um die Gegen­wart zu ver­ste­hen und Zukunft zu bewäl­ti­gen. So ist es auch zum Thema Faschis­mus. Solange Men­schen im Dogma sind, das ihnen Obere pre­di­gen, erken­nen sie die Wahr­heit nicht. Las­sen wir uns die Erkennt­nis nicht neh­men und fra­gen immer nach dem WARUM.” Hier die → Buch­an­kün­di­gung. In vie­len Gesprä­chen zeig­ten auch Freunde aus Bela­rus und Russ­land Inter­esse an dem Buch. So lau­fen Über­le­gun­gen, es auch in eng­lisch- und rus­sisch-spra­chi­gen Ver­sio­nen rauszubringen.

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Plein­air-Finale

Die Ergeb­nisse des Plein­airs, male­ri­sche und gra­fi­sche Werke, wer­den nun einem brei­ten Publi­kum zuge­führt. Basis der künst­le­ri­schen Arbei­ten, die i.d.R. im Freien durch­ge­führt wur­den, waren Begeg­nun­gen der Plein­air-Teil­neh­mer mit Gedenk­ver­an­stal­tun­gen, Gedenk­stät­ten, vie­len Men­schen und auch Zeu­gen des Gro­ßen Vater­län­di­schen Krie­ges. Mit einer fei­er­li­che Eröff­nung der Aus­stel­lung mit den Ergeb­nis­sen der inter­na­tio­na­len Teil­neh­mern und einem fei­er­li­chen Abend­essen endete das inter­na­tio­na­len Plein­airs »Das Gesicht der Geschichte« im Ban­kett­saal des Hotels »Laguna«. In der fol­gen­den Gale­rie sind einige Ergeb­nisse der künst­le­ri­schen Arbei­ten zu sehen (die Autoren sind unter den Bil­dern benannt):

Die Stationen
Belarus - Autor: Wolfgang Kiessling - www.wolle-ing.de
Fes­tung Brest

Im Rah­men des Plein­air fan­den Besu­che u. a. an den Gedenk­stät­ten Brest, Drem­lewo, Damat­schewo und Rasch­kowka statt. Zu Tages­aus­flü­gen wur­den die Gedenk­stät­ten besucht, Infor­ma­tio­nen zu den his­to­ri­schen Ereig­nis­sen wäh­rend des Krie­ges auf­ge­nom­men und Kränze nie­der­ge­legt. Die → Hel­den­fes­tung Brest , die ich seit dem Jahr 1987 (damals in der Uni­form eines Offi­ziers der ein­zig deut­schen Frie­dens­ar­mee, der DDR) selbst schon mehr­fach besuchte, ist eine der bedeu­tends­ten Gedenk­stät­ten der Sowjet­union zum Zwei­ten Welt­krieg. Unmit­tel­bar nach dem deut­schen Über­fall hiel­ten die sowje­ti­schen Ver­tei­di­ger, vor allem Gren­zer (russ. Pogra­nit­sch­niki, die den ers­ten Schlag auf sich neh­men) den Angrei­fern der Wehr­macht tage­lang stand, bis sie der Über­macht unter­la­gen. Sie ban­den so wich­tige mili­tä­ri­sche Kräfte der Faschis­ten. Schon im Novem­ber 1941 wurde klar, dass der Blitz­kriegs­plan → “Unter­neh­men Bar­ba­rossa” schei­terte.

Einen Ein­druck von dem aus­sichts­lo­sen, aber umso tap­fe­ren Kampf der Ver­tei­di­ger der Fes­tung Brest ver­mit­teln die Aus­stel­lun­gen in der Fes­tung Brest.

Belarus, Brest, in der Stadt
Bela­rus, Brest

Und ja – das Pro­gramm war für die deut­sche Dele­ga­tion im Rah­men des Plein­air und Kunst­pro­jekts “Brü­cke des Frie­dens” neben den eigent­li­chen künst­le­ri­schen Arbei­ten anspruchs­voll und breit gefä­chert – Tag für Tag der 16 Tage Auf­ent­halt. Wir hiel­ten Impres­sio­nen fest an einer Aus­wahl von Orten für krea­tive Arbei­ten – zur Durch­füh­rung von male­ri­schen Skiz­zen, Foto­etü­den und gra­fi­schen Skiz­zen. So gab es u.a. eine Besich­ti­gung des Win­ter­gar­tens von Pusch­kin, ein Besuch als gela­dene Gäste der Ver­an­stal­tun­gen zum 85. Jah­res­tag des Aus­bruchs des Gro­ßen Vater­län­di­schen Krie­ges in der Fes­tung Brest, einen Besuch des Ver­tei­di­gungs­mu­se­ums der Fes­tung Brest, einen Besuch des hoch­in­ter­es­san­ten Eisen­bahn­tech­nik­mu­se­ums (Dampf­lok­mu­seum in Brest), Besu­che in der Pusch­kin-Uni­ver­si­tät, Besuch des regio­na­len Hei­mat­kun­de­mu­se­ums von Brest, Spa­zier­gänge durch Brest, durch seine Archi­tek­tur, die Stra­ßen von Gogol, Karl Marx und Levan­evsky, einen Besuch des Stadt­mu­se­ums sowie Besuch des Kunst­mu­se­ums von Brest, einen Besuch des Kriegs­mu­se­ums, diverse Besu­che in (den nach­fol­gend erwähn­ten) Ort­schaf­ten von Kriegs­ver­bre­chen sowie deren Gedenk­stät­ten, einen Vor­trag des Hei­mat­his­to­ri­kers Ana­toli Rost­is­la­vo­witsch Bere­zyuk und Bekannt­schaft mit sei­nem Buch «Gala­vasik”, das den Ereig­nis­sen vom 11.09.1941 gewid­met ist, und einen Besuch der Schule im Dorf Domat­schewo. Übri­gens – vom Eisen­bahn-Museum habe ich in mei­nem Foto­stock → hier viele inter­es­sante Fotos hinterlegt.

Drem­lewo, Autor: Mar­tina Born

In Drem­lewo 40 km süd­lich von Brest, nahe des Flus­ses Bug und der ukrai­ni­schen Grenze, wur­den 1942 im Rah­men einer soge­nann­ten Straf­ak­tion die Bewoh­ner des Dor­fes erschos­sen und das Dorf nie­der­ge­brannt. Mein Bei­trag → “1942-09-11 @ Drem­levo in Bela­rus” (basie­rend auf den dort genann­ten Quel­len) berich­tet dar­über. Der Ort wurde samt Men­schen grau­sam aus­ra­diert. Am 11. Sep­tem­ber 1942 geschah das Unfass­bare in einem klei­nen Dorf in Bela­rus. Am Mor­gen ver­sam­mel­ten sich die Bewoh­ner des Dor­fes, um den Tag Johan­nes des Täu­fers zu fei­ern. Plötz­lich stürm­ten die “Bestrafer” des 201. Batail­lons der Sicher­heits­po­li­zei (Schutz­mann­schaft) das Dorf. Mit Maschi­nen­ge­weh­ren bewaff­net, trie­ben die Faschis­ten die Men­schen aus ihren Häu­sern auf die Straße. Wer Wider­stand leis­tete und betete, wurde auf der Stelle erschos­sen. Die Über­le­ben­den wur­den in vier Schup­pen getrie­ben, die spä­ter in Brand gesteckt wur­den. His­to­ri­kern zufolge wur­den an die­sem schick­sal­haf­ten Tag 43 Haus­halte ver­nich­tet. 196 der 200 Ein­woh­ner wur­den bei leben­di­gem Leibe ver­brannt und das kom­plette Dorf dem Erd­bo­den gleich­ge­macht. Diese Tat sollte der Par­ti­sa­nen­be­kämp­fung durch Abschre­ckung dienen.

Belarus - Autor: Wolfgang Kiessling - www.wolle-ing.de
Domat­schewo

In Domat­schewo ermor­de­ten Faschis­ten die Bewoh­ner eines Kin­der­heims. Am 23. Sep­tem­ber 1942, um 19:00 Uhr, fuhr ein LKW mit sechs bewaff­ne­ten deut­schen Mili­tär­an­ge­hö­ri­gen auf den Hof des Kin­der­heims. Der Älteste der Gruppe erklärte, die Kin­der wür­den nach Brest gebracht. Er befahl den Kin­dern, auf den Wagen zu stei­gen. Es befan­den sich 55 Per­so­nen im Wagen. 1 Kin­der sprang unter­wegs vom LKW und rannte weg. Die übri­gen 53 Kin­der und die Leh­re­rin wur­den in Rich­tung Bahn­hof Dubitsa, andert­halb Kilo­me­ter vom Dorf Lep­levka ent­fernt, gebracht. Der Wagen hielt im Wald an. Die Kin­der muss­ten sich aus­zie­hen. Beweis­ma­te­rial für die Anwe­sen­heit von Kin­der­un­ter­wä­sche im Wagen, der nach Doma­chevo zurück­fuhr. Die Kin­der und ihre Leh­re­rin wur­den erschos­sen und in einer natür­li­chen Grube im Wald ver­scharrt. Eine Anwoh­ne­rin fand sie. Die Namen der Faschis­ten, die den Befehl dazu erlie­ßen, die Kin­der zu erschie­ßen, sind bekannt. Auch die Namen eini­ger der Täter, die die Hin­rich­tung der Kin­der aus­führ­ten, sind bekannt. Lange vor dem Sep­tem­ber 1942 wur­den bereits alle 15 jüdi­schen Kin­der des Wai­sen­hau­ses im Alter von 2 bis 12 Jah­ren von den Faschis­ten in ein Ghetto gebracht und dort erschos­sen (Quelle: Domachevo.com, Orts­chro­nik, Разстрѣлъ дѣтей Домачевскаго дѣтскаго дома, 20.07.2026). Auch ein Groß­teil der übri­gen Ein­woh­ner­schaft von Domat­schewo über­lebte die deut­sche Besat­zung nicht, sie fie­len als Juden dem Holo­caust zum Opfer.

Belarus - Autor: Wolfgang Kiessling - www.wolle-ing.de
Kir­che Roschowka

Das Dorf Rosch­kowka sollte am 28. Sep­tem­ber 1942 eben­falls ver­nich­tet wer­den. Ihm wider­fuhr aber an die­sem Tag eine wun­der­same Ret­tung. Fol­gen­des kann aber zusam­men­fas­send gesagt wer­den. Vor 75 Jah­ren geschah die wun­der­bare Ret­tung. Die Deut­schen trie­ben einige Hun­dert der Ein­hei­mi­schen zu einer geplan­ten Erschie­ßung zusam­men … im letz­ten Moment wurde der Befehl abge­bro­chen. Uner­war­tet lan­dete nahe dem Ort der Hin­rich­tung ein klei­nes Flug­zeug. Ihm ent­stieg ein deut­scher Major. Er sah, was hier pas­sie­ren sollte und befahl damit zu war­ten, bis er zurück­kehrt. Der Major flog zurück und kam wie­der mit einem Erlass auf Begna­di­gung der Dorf­be­woh­ner. Benom­men erzählte er, dass ihm wäh­rend des ers­ten Anflu­ges über dem Dorf die Mut­ter Got­tes im blauen Gewand erschie­nen wäre. Sie inspi­rierte ihn, sich für die Unglück­li­chen ein­zu­set­zen. Seit mehr als 75 Jah­ren ist nun am 28. Sep­tem­ber in Rosch­kowka der wich­tigste Fei­er­tag. Lange Zeit war den Name des Majors unbe­kannt. Dank dem deut­schen For­scher Waleri Rip­per­ger fand man her­aus, dass es der Major Emil Albert Paul Hein­rich Herbst war. Viel­leicht war es nur ein guter Mensch? Als wir in der Kir­che waren, berich­tete der Pfar­rer von der Geschichte anhand einer Foto-Lein­wand über Betei­ligte und das Ereig­nis. Major Herbst über­lebte den Krieg und starb eines natür­li­chen Todes. Er hin­ter­ließ zwei Söhne und eine Toch­ter. Heute noch suchen die Dorf­be­woh­ner die Nach­fah­ren des Major Herbst, um sich bei ihnen zu bedan­ken. Die­ser huma­nis­ti­sche Akt brachte dem Major eine unge­heu­rer Auto­ri­tät in der Bevöl­ke­rung, die bei den Nach­fah­ren bis heute anhält. Damals schon erbau­ten die geret­te­ten Ein­hei­mi­schen im Dorf eine Kir­che, die dem Major geweiht wurde (Quelle: SB.BY, Arti­kel Paul Lositch vom 11.11.2017, Das gewöhn­li­che Wun­der, 20.07.2026).

Unvergessliches – ein Auszug
Belarus - Autor: Wolfgang Kiessling - www.wolle-ing.de
Am Gren­zer­denk­mal

Brest – am ers­ten Mor­gen in der Stadt, am 21. Juni 2026 – gehe ich von Mari­nas Woh­nung aus wenige hun­dert Meter zur Haupt­straße. Gegen­über erbli­cke ich das mir bekannte Denk­mal an die gefal­le­nen Pro­gra­nit­sch­niki (Gren­zer) – Jene, die den ers­ten Schlag auf sich nah­men. Einen hal­ben Kilo­me­ter wei­ter unten, die geschmückte Haupt­straße ent­lang, ist das große Ein­gangs­por­tal zur Fes­tung Brest zu sehen. Über­all in Brest (Bela­rus) bela­rus­si­sche und rus­si­sche Fah­nen – der ganze Ort in Gedenk­stim­mung aus Anlass des 85. Jah­res­ta­ges des Über­falls durch das faschis­ti­sche Deutsch­land und seine Gehil­fen in Europa. Die ganze Stadt, das ganze Land, auch Rus­sen und Freunde ande­rer Län­der leben heute in Erin­ne­rung an den letz­ten Tag vor 85 Jah­ren vor dem Über­fall. In die­ser Haupt­stoß­rich­tung der Faschis­ten hiel­ten sie den Geg­ner nicht auf, sie ban­den aber hel­den­haft wich­tige Kräfte. Und das Beson­dere – hier ist nichts geküns­telt oder her­bei­be­foh­len. Die Erin­ne­rung liegt im Blut jedes Ein­woh­ners von Brest, Bela­rus und Russ­land. Auch die Mehr­heit der Jugend­li­chen sind sich der Sache bewusst und leben das Andenken hier tatsächlich.

Belarus, Brest, zur Festung
Bela­rus, Brest, Blick zum Ein­gangs­por­tal der Festung

Доброе утро – guten Mor­gen aus Brest in Bela­rus. Dort hin­ten in der Fes­tung ist kom­mende Nacht ab 2:00 Uhr die Groß­ver­an­stal­tung im Geden­ken an die letz­ten Stun­den im Frie­den vor 85 Jah­ren und das fol­gende Ver­bre­chen der deut­schen Faschis­ten. Erle­ben wir heute einen schö­nen Tag. Arbei­ten wir GEMEINSAM heute und in den nächs­ten Tagen an der BRÜCKE DES FRIEDENS. Auf jedem Schritt und Tritt, den ich gerade allein durch die Stadt gehe, kom­men Emo­tio­nen hoch. NIE WIEDER! Und ich denke daran im Bewusst­sein, dass die BRD gerade eine Kon­junk­tur des Faschis­mus, Mili­ta­ris­mus und Revan­chis­mus voll­zieht, Dinge, die dort im Ver­bor­ge­nen über­le­ben konn­ten, die nie weg waren. TOD DEN FASCHISTEN – das gilt auch heute! ZEIGEN wir, dass es ein ande­res Deutsch­land gibt(!). Und ich spüre – was für eine Ruhe, was für ein Frie­den hier mit­ten in der Stadt Brest, trotz Nähe zur Haupt­straße. Hof­fent­lich bleibt es so.

Belarus - Autor: Wolfgang Kiessling - www.wolle-ing.de
Weg zur Gedenkveranstaltung

Gedenk­ver­an­stal­tung in der Fes­tung Brest aus Anlass des 85. Jah­res­ta­ges des Über­falls Hit­ler­deutsch­lands auf die Sowjet­union in Brest. Wie­viel Zig­tau­send waren hier in der Fes­tung? Und ich unter den gela­de­nen Gäs­ten in vor­ders­ter Reihe. Beein­dru­ckend und wür­dig Alles. Die Zei­chen der Sie­ger über den Faschis­mus an mei­ner Brust darf ich hier noch tra­gen, im Gegen­satz zu Ber­lin, wo es der Innen­se­nat zu Fei­er­lich­kei­ten der Befreier ver­bo­ten hat. Wir dür­fen nie­mals ver­ges­sen, was Deutsch­land den Sowje­ti­schen Völ­kern von 1941 bis 1945 ange­tan hat, den Tod von 27 Mio. Men­schen, unend­li­ches Leid und Zer­stö­rung. Nie wie­der Krieg! Russ­land ist nicht unser Feind!  Der Haupt­feind steht im eige­nen Land in der deut­schen Regie­rung, im Rei­chen­tag und in den Lan­des­par­la­men­ten – „der deut­sche Impe­ria­lis­mus, die deut­sche Kriegs­par­tei, die deut­sche Geheim­di­plo­ma­tie“ (Karl Lieb­knecht 1915). Zur Ver­an­stal­tung sprach auch der Chef der Duma Russ­lands Wjat­sches­law Wik­to­ro­witsch Wolodin. 

Belarus, im Nachbardorf von Dremlewo bei einer Zeitzeugin des Verbrechens
Nahe Drem­lewo bei einer Zeitzeugin

Im Nach­bar­dorf von Drem­lewo. Und wie­der war ich in Drem­lewo (Bela­rus) – mit Blu­men, Gedan­ken, Vor­ha­ben, Ver­spre­chen – u.a. mit der Enke­lin von Ernst Thäl­mann. Im Nach­bar­dorf (etwa 1 km vor der Gedenk­stätte) mach­ten wir einen Zwi­schen­stopp bei einer Zeit­zeu­gin des faschis­ti­schen Ver­bre­chens von Drem­lewo. Unsere Gruppe mit 11 Frau/Mann besuchte sie mit Geschen­ken in ihren klei­nen Haus und Wohn­zim­mer. Drau­ßen 39 Grad. Erstaun­lich – sie sah beim Erzäh­len, wie ich vor Wärme stark schwitzte und sie brachte mir ein Hand­tuch. Diese etwa 91jährige Frau erzählt als Über­le­bende aus­führ­lich von den Schre­cken, die sie als Kind aus ihrem Ver­steck sah, als ihr Dorf Drem­lewo von deut­schen Faschis­ten mit allen Ein­woh­nern, Alten und Kin­dern grau­samst ver­nich­tet wurde. Muss man ihre Berichte über­set­zen, wenn man sie im Video sieht? Ich ver­stand auch ohne zu hören, jede Geste, jeden Gesichts­aus­druck, jedes Gesagte. Bil­der in der nach­fol­gen­den Gale­rie zei­gen es. Die Schre­cken, beson­ders für die Kin­der, waren uner­mess­lich, uner­mess­lich, uner­mess­lich … Sie schil­dert sie. Die Täter waren keine Men­schen. Jeden Tag seit über 80 Jah­ren blickt die alte Frau zum Ort des Ver­bre­chens – weit in der Ferne sieht man durch das Wohn­zim­mer­fens­ter das Kreuz vor der Gedenk­stätte. Und trotz­dem hegt sie heute kei­nen Hass gegen­über Deut­schen – ein­zig Hass gegen­über Faschis­ten. Immer noch habe ich beim Gehen ihr Hand­tuch in der Hand. Es war auch unglaub­lich emo­tio­nal(!) – und ich bin nicht schnell beein­druck­bar – die ganze Geschichte, die Atmo­sphäre, das Zeit­lose, die Gast­freund­schaft, der Sohn, der Akkor­dion spielte, die Blu­men, der schlichte Gar­ten, die betrof­fe­nen, getö­te­ten Kin­der, von denen sie erzählte, … In über 700 Dör­fern in Bela­rus das glei­che Schick­sal – voll­stän­dig zer­stört mit Mann, Frau und Kind – an tau­sen­den Orten ähn­li­ches, unmensch­li­ches Schick­sal, wo Eini­ges ste­hen­blieb und Teile über­leb­ten. Unver­gess­lich der Besuch und ihr Erle­ben – das sollte jeder Jugend­li­che so erle­ben, zumin­dest die Geschichte erfah­ren. Ich werde über­all von die­ser Frau berich­ten. NIE WIEDER – WIR LEBEN ES – im Gegen­satz zu den Sys­tem­büt­teln der Anti-Antifa sowie den ver­lo­ge­nen Sprü­che­klop­fern der kor­rup­ten Part­orgs der Poli­ti­schen Klasse im Reichentag.

Belarus - Autor: Wolfgang Kiessling - www.wolle-ing.de
Im Gar­ten der Gedenkstätten

Mucha­wez – ein klei­ner Ort an der Bun­des­straße in Rich­tung Osten, 10 km öst­lich von Brest. Hier waren wir in einem emp­feh­lens­wer­ten Hotel. An einem Abend zu Beginn unse­rer Reise ging ich hin­ter das Hotel und fiel fast aus mei­nem Lat­schen – ich war erschüt­tert. Die Hotel­be­sit­ze­rin hatte hier in den letz­ten Jah­ren einen gro­ßen Gedenk­gar­ten geschaf­fen. Darin trug sie viele Denk­mä­ler nach ihrem Abriss durch Behör­den auf pol­ni­schen Gedenk­stät­ten zusam­men – Denk­mä­ler der Befreier, die sie ret­tete. Aller­größ­ten Respekt an die Hotel­be­sit­ze­rin. Hier hat sie einen Ort geschaf­fen vor der Zer­stö­rung. Meine Ver­ach­tung den pol­ni­schen Ver­ant­wort­li­chen. Am Ende der fol­gen­den Gale­rie einige Moment­auf­nah­men und Impres­sio­nen davon.

Belarus, Brest, Puschkin-Universität
Pusch­kin-Uni­ver­si­tät

Brest, Pusch­kin-Uni­ver­si­tät, im Ein­gangs­be­reich – ein Zitat des gro­ßen, rus­si­scher Natio­nal­dich­ters Alex­an­der Ser­ge­je­witsch Pusch­kin († 1837):

“Mein Freund, lasst uns die schöns­ten Regun­gen unse­rer See­len unse­rem Vater­land widmen!”

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Videoschnipsel zum Ereignis

2026 Brest – Geden­ken an 22. Juni 2026 – Volksmusik

2026 Brest – Geden­ken an 22. Juni 2026 – Zeit­zeu­gin in Drem­lewo 1

2026 Brest – Geden­ken an 22. Juni 2026 – Zeit­zeu­gin in Drem­lewo 2

2026 Brest – Geden­ken an 22. Juni 2026 – in der Fes­tung 1

2026 Brest – Geden­ken an 22. Juni 2026 – in der Fes­tung 2

2026 Brest – Geden­ken an 22. Juni 2026 – in der Fes­tung 3

2026 Brest – Geden­ken an 22. Juni 2026 – in der Fes­tung 4

2026 Brest – Geden­ken an 22. Juni 2026 – in der Fes­tung 5

2026 Brest – Geden­ken an 22. Juni 2026 – in der Fes­tung 6

2026 Brest – Geden­ken an 22. Juni 2026 – in der Fes­tung 7

2025 Brest – am Ein­gangs­por­tal der Festung

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Nachsatz

Das Thema Erin­ne­rung und Auf­klä­rung bleibt ein am Anfang ste­hen­des Erfor­der­nis – leicht gesagt und schwer getan. Es erfor­dert viel Mut, viele Ideen, Mit­wir­kende, Platt­for­men und eine zuneh­mende sowie enge Ver­net­zung. Port Woling betreibt wei­ter Auf­klä­rung u. a. zu den Themen …

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