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1945-08-02 @ Vertreibung
Geschichte Port Woling – Vertriebene des Krieges – Alle Wohnungen mussten offen bleiben, Alles an Hab und Gut zurückbleiben, um in Nacht- und Nebelaktionen ihre Heimat fluchtartig zu verlassen
Bitteres Leid im Vergessen?

SO WAR ES … – “Der Schlüssel musste außen stecken” – am 14. Juli 1945 lasen die Bewohner der Stadt Bad Salzbrunn einen Sonderbefehl des polnischen Abschnittskommandanten Zinkowski. Drei Stunden hatten die deutschen Bewohner Zeit, die Stadt zu verlassen. 20 Kilo Reisegepäck durften die Menschen mitnehmen. In holprigem Deutsch steht in dem Sonderbefehl “Kein Transport (Wagen, Ochsen, Pferde, Kühe usw.) wird erlaubt.” Solche Befehle gab es viele.(1)
… auch bei meinem Vater – das ist tatsächlich die Geschichte – und das Dokument (rechts) mit dem Sonderbefehl zumindest Beispiel eines üblichen damaligen Prozesses – der Vertreibung von Millionen aus dem Schlesischen und weiteren Gebieten im damaligen Osten Deutschlands. Der Befehl hieß „Antreten und Abmarsch“ – zu unterschiedlichen Zeiten in den Nachkriegsmonaten. Schwerste Repressalien nicht nur bei Denen, die nicht folgten, sondern auch auf dem Weg gen Westen – bis hin zu weiterer Plünderung oder Totschlag.
In der neuen Heimat waren die Flüchtlinge oder Vertriebenen nicht willkommen. Mein Vater (damals 9 Jahre alt), seine 3 Schwestern und sein kleiner Bruder mit ihren Eltern, die und deren Vorfahren nachweislich schon Jahrhunderte in Schlesien als Kirchbauern ostwärts von Görlitz und der Neiße auf ein und demselben Dreiseitenhof als Kirchbauern siedelten, mussten in einer kurzen Aktion Weniges packen, ihr ganzes Hab und Gut zurücklassen und gen Westen abziehen. Ich habe auch Dokumente aus dieser Zeit. Bei den Entbehrlichkeiten und Unbilden starb meine Großmutter. Zum Glück nahmen meinen Opa und die 5 Kinder verschiedene Verwandte ostwärts der Neiße (zwischen Niesky und Löbau, in einer Gegend, in der in Stadt und Land fast jedes Haus vom Krieg zerstört war) auf, so dass der Weg relativ kurz war. Wie sie in Ställen untergebracht waren, wie sie lebten, wie sie die ersten Jahre verachtet wurden – ein anderes Thema. Aber sie ertrugen es, bauten das Land später mit auf und wurden stolze/großartige Menschen.
Die meisten schlesischen Vertrieben landeten im Großraum Köln/Ruhrgebiet und Nürnberg, wo man heute noch ganz alte Menschen mit dem besonderen schlesischen Dialekt hört, der mir auch noch etwas anhaftet. Es ist aber auch eine vielschichtige Geschichte von gegenseitiger Vertreibung, die man nicht pauschal oder mit Scheuklappen betrachten sollte. Es betraf nicht nur Schlesier. Die Gesamtzahl der vertriebenen, geflüchteten oder umgesiedelten Deutschen wird auf zwölf bis 14 Millionen Menschen geschätzt. Weiterhin betraf es etwa 3 Millionen Sudetendeutsche aus der Tschechoslowakei und viele Deutschstämmige aus Mittel- und Osteuropa sowie dem Balkan, die sich nach 1945 westlich von Neiße und Oder neu ansiedeln mussten.
Eine leidvolle Geschichte, bei der es mich immer sehr wunderte, dass sie so verschwiegen wurde (ähnlich wie die Rheinwiesenlager).
Es geht nicht darum, die Gebiete zurückzuerobern, Gestohlenes zurückzuholen – Geschichte muss mal einen Schnitt machen, sage ich immer, wenn Frieden einkehren soll. Wahrheiten müssen aber auf den Tisch als Mahnung und als Lehren, die eine Wiederholung verhindern. Ich denke, nach einem WK3, den Deutschland gerade erneut provoziert und vorbereitet, und wieder auf die Fresse fallen würde, gibt es das Land zumindest geographisch nicht mehr oder nur rudimentär. Wenn die Überlebenden Glück haben, darf die DDR wieder auferstehen – wobei ich nicht glaube, dass die Russen uns das nochmal verzeihen.
2. August 1945 – zum Abschluss der Potsdamer Konferenz beschlossen die Siegermächte die Abtrennung der deutschen Gebiete östlich von Oder und Neiße. Es war eine weitreichende territorialen Folge des Krieges und verbrecherischen Wirkens Hitlerdeutschlands. Die deutschen Einwohner dieser großen Gebiete sollten ausgesiedelt werden. Jene, die nicht schon geflohen waren, wurden gewaltsam vertrieben. Im Westen Deutschlands galten die Vertriebenen zuerst als Flüchtlinge.
Die nackte Wahrheit – ein Artikel unter Watson.ch schildert sie ohne Übertreibung, ohne Pauschalierung. In Deutschland waren die Flüchtlinge nicht mal willkommen, obwohl es Deutsche waren.(2) Vertriebene waren auf Gedeih und Verderb den Einwohnern im Nachkriegsdeutschland ausgesetzt, die ebenfalls vor schlimmen Hinterlassenschaften des 2. Weltkrieges standen. Deutsche scheinen heute ihr eigenes Schicksal vergessen zu haben.
Wie kann man Elend von Krieg, Tod, Vertreibung und Flucht vergessen in Anbetracht der heutigen Flüchtlingswelle? NEIN – es gibt keine Entschuldigung für Menschen, die dieses Leid von damals und heute negieren oder verharmlosen.
Viele private Berichte und Bücher schildern heute das Vergangene. Forschungen aber existieren wenig oder kaum zu dem Thema. Der Schriftsteller und Publizist Wolfgang Bittner schrieb ein hoch lesenswertes, autobiographisches Buch über diese und seiner Familie Vertreibung – den Roman „Die Heimat, der Krieg und der Goldene Westen: Ein deutsches Lebensbild“. Er schildert das damalige Leben in Schlesien aus der Sicht eines Kindes um 1942, die folgende Vertreibung aus seinem kleinen Kindheitsparadies sowie den schwierigen Neuanfang. (3) Ich las das Buch und fühlte mich zurückversetzt in die Kindheit meines Vaters. Ein Arbeitsheft zu einer Wanderausstellung “Unsere neue Heimat – Sachsen” schildert die entbehrungsreichen Lebensbedingungen der Vertriebenen bei der Ankunft in Sachsen. Es werden auch Lebensberichte von Betroffenen, Vorgeschichten der Familien in der alten Heimat sowie Vertreibung und erlittene Traumatisierungen thematisiert.(4)

Ich – ein Friedenssoldat und Grenzer – denke viel über Geschichte nach. Der Zweite Weltkrieg brachte nicht nur die Vertreibung. Im Ergebnis stand auch die deutsche Teilung und 2 neue deutsche Nationen – an der jederzeit brenzligen NAHTLINIE zwischen 2 Weltsystemen. Gerade die Menschen im mittleren Deutschland sind geprägt von der Zeit, besonders die an der ehemaligen Grenze lebenden Menschen. Auch in Gerstungen, in Thüringen, im Zentrum der heutigen BRD, sollte jeder 3. Haushalt rückblickend in seiner Familie einen Hintergrund aus dem damalige Ereignis der Massenvertreibung nach dem Weltkrieg haben. Und kaum ein Haus in Grenzortschaften der ehemaligen DDR, in dem nicht wenigstens ein Angehöriger etwas mit den Grenztruppen zu tun hatte – und wenn es nur berufliche bzw. geschäftliche Verbindungen waren. Und wieder gab es gewaltsame Vertreibungen, ein schlimmes Kapitel der Vertreibung ganzer Familien aus dem Grenzgebiet, das ich an dieser Stelle nicht bewerte. Diese Zwangsaussiedlungen aus dem Sperrgebiet vor allem in großangelegten Polizeiaktionen 1952 und 1961 widerfuhr entlang der Demarkationslinie ca. 12.000 Einwohnern – wenn man es im Kontext mit dem Kriegsergebnis sieht, auch Vertriebene der Geschichte und des Großmachtstrebens des deutschen Großkapitals.

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Quellen
(1) Braunschweiger Zeitung, Archiv, Artikel Klaus Herrmann 02.08.2006, Der Schlüssel muss außen stecken
(2) Watson.ch, Artikel Daniel Huber 27.02.2016, Flüchtlingsschweine – die deutschen Vertriebenen …
(3) Goettinger Tageblatt, Artikel 08.06.2019, Kultur Regional, Roman, Rezension: Die Heimat, der Krieg und der goldene Westen
(4) BVS Sachsen, der Beauftragten für Vertriebene und Spätaussiedler, Arbeitsheft zu einer Wanderausstellung ‘Unsere neue Heimat – Sachsen’
Nachsatz
Das Thema Erinnerung und Aufklärung bleibt ein am Anfang stehendes Erfordernis – leicht gesagt und schwer getan. Es erfordert viel Mut, viele Ideen, Mitwirkende, Plattformen und eine zunehmende sowie enge Vernetzung. Port Woling betreibt weiter Aufklärung u. a. zu den Themen …
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