1945-08-02 @ Vertreibung

Geschichte Port Woling – Ver­trie­bene des Krie­ges – Alle Woh­nun­gen muss­ten offen blei­ben, Alles an Hab und Gut zurück­blei­ben, um in Nacht- und Nebel­ak­tio­nen ihre Hei­mat flucht­ar­tig zu verlassen


Bitteres Leid im Vergessen?

Dokument
Pol­ni­scher Son­der­be­fehl an Deut­sche, das neue Gebiet Polens nach dem Ende des 2. Welt­krie­ges zu ver­las­sen; Doku­ment Quelle: Mała Ency­klo­pe­dia Pow­s­zechna PWN, Datei und Lizenz: Wiki­pe­dia

SO WAR ES … – “Der Schlüs­sel musste außen ste­cken” – am 14. Juli 1945 lasen die Bewoh­ner der Stadt Bad Salz­brunn einen Son­der­be­fehl des pol­ni­schen Abschnitts­kom­man­dan­ten Zin­kow­ski. Drei Stun­den hat­ten die deut­schen Bewoh­ner Zeit, die Stadt zu ver­las­sen. 20 Kilo Rei­se­ge­päck durf­ten die Men­schen mit­neh­men. In holp­ri­gem Deutsch steht in dem Son­der­be­fehl “Kein Trans­port (Wagen, Och­sen, Pferde, Kühe usw.) wird erlaubt.” Sol­che Befehle gab es viele.(1)

… auch bei mei­nem Vater – das ist tat­säch­lich die Geschichte – und das Doku­ment (rechts) mit dem Son­der­be­fehl zumin­dest Bei­spiel eines übli­chen dama­li­gen Pro­zes­ses – der Ver­trei­bung von Mil­lio­nen aus dem Schle­si­schen und wei­te­ren Gebie­ten im dama­li­gen Osten Deutsch­lands. Der Befehl hieß „Antre­ten und Abmarsch“ – zu unter­schied­li­chen Zei­ten in den Nach­kriegs­mo­na­ten. Schwerste Repres­sa­lien nicht nur bei Denen, die nicht folg­ten, son­dern auch auf dem Weg gen Wes­ten – bis hin zu wei­te­rer Plün­de­rung oder Totschlag.

In der neuen Hei­mat waren die Flücht­linge oder Ver­trie­be­nen nicht will­kom­men. Mein Vater (damals 9 Jahre alt), seine 3 Schwes­tern und sein klei­ner Bru­der mit ihren Eltern, die und deren Vor­fah­ren nach­weis­lich schon Jahr­hun­derte in Schle­sien als Kirch­bau­ern ost­wärts von Gör­litz und der Neiße auf ein und dem­sel­ben Drei­sei­ten­hof als Kirch­bau­ern sie­del­ten, muss­ten in einer kur­zen Aktion Weni­ges packen, ihr gan­zes Hab und Gut zurück­las­sen und gen Wes­ten abzie­hen. Ich habe auch Doku­mente aus die­ser Zeit. Bei den Ent­behr­lich­kei­ten und Unbil­den starb meine Groß­mutter. Zum Glück nah­men mei­nen Opa und die 5 Kin­der ver­schie­dene Ver­wandte ost­wärts der Neiße (zwi­schen Niesky und Löbau, in einer Gegend, in der in Stadt und Land fast jedes Haus vom Krieg zer­stört war) auf, so dass der Weg rela­tiv kurz war. Wie sie in Stäl­len unter­ge­bracht waren, wie sie leb­ten, wie sie die ers­ten Jahre ver­ach­tet wur­den – ein ande­res Thema. Aber sie ertru­gen es, bau­ten das Land spä­ter mit auf und wur­den stolze/großartige Menschen.

Die meis­ten schle­si­schen Ver­trie­ben lan­de­ten im Groß­raum Köln/Ruhrgebiet und Nürn­berg, wo man heute noch ganz alte Men­schen mit dem beson­de­ren schle­si­schen Dia­lekt hört, der mir auch noch etwas anhaf­tet. Es ist aber auch eine viel­schich­tige Geschichte von gegen­sei­ti­ger Ver­trei­bung, die man nicht pau­schal oder mit Scheu­klap­pen betrach­ten sollte. Es betraf nicht nur Schle­sier. Die Gesamt­zahl der ver­trie­be­nen, geflüch­te­ten oder umge­sie­del­ten Deut­schen wird auf zwölf bis 14 Mil­lio­nen Men­schen geschätzt. Wei­ter­hin betraf es etwa 3 Mil­lio­nen Sude­ten­deut­sche aus der Tsche­cho­slo­wa­kei und viele Deutsch­stäm­mige aus Mit­tel- und Ost­eu­ropa sowie dem Bal­kan, die sich nach 1945 west­lich von Neiße und Oder neu ansie­deln mussten.

Eine leid­volle Geschichte, bei der es mich immer sehr wun­derte, dass sie so ver­schwie­gen wurde (ähn­lich wie die Rheinwiesenlager).

Es geht nicht darum, die Gebiete zurück­zu­er­obern, Gestoh­le­nes zurück­zu­ho­len – Geschichte muss mal einen Schnitt machen, sage ich immer, wenn Frie­den ein­keh­ren soll. Wahr­hei­ten müs­sen aber auf den Tisch als Mah­nung und als Leh­ren, die eine Wie­der­ho­lung ver­hin­dern. Ich denke, nach einem WK3, den Deutsch­land gerade erneut pro­vo­ziert und vor­be­rei­tet, und wie­der auf die Fresse fal­len würde, gibt es das Land zumin­dest geo­gra­phisch nicht mehr oder nur rudi­men­tär. Wenn die Über­le­ben­den Glück haben, darf die DDR wie­der auf­er­ste­hen – wobei ich nicht glaube, dass die Rus­sen uns das noch­mal verzeihen.

2. August 1945 – zum Abschluss der Pots­da­mer Kon­fe­renz beschlos­sen die Sie­ger­mächte die Abtren­nung der deut­schen Gebiete öst­lich von Oder und Neiße. Es war eine weit­rei­chende ter­ri­to­ria­len Folge des Krie­ges und ver­bre­che­ri­schen Wir­kens Hit­ler­deutsch­lands. Die deut­schen Ein­woh­ner die­ser gro­ßen Gebiete soll­ten aus­ge­sie­delt wer­den. Jene, die nicht schon geflo­hen waren, wur­den gewalt­sam ver­trie­ben. Im Wes­ten Deutsch­lands gal­ten die Ver­trie­be­nen zuerst als Flüchtlinge.

Die nackte Wahr­heit – ein Arti­kel unter Watson.ch schil­dert sie ohne Über­trei­bung, ohne Pau­scha­lie­rung. In Deutsch­land waren die Flücht­linge nicht mal will­kom­men, obwohl es Deut­sche waren.(2) Ver­trie­bene waren auf Gedeih und Ver­derb den Ein­woh­nern im Nach­kriegs­deutsch­land aus­ge­setzt, die eben­falls vor schlim­men Hin­ter­las­sen­schaf­ten des 2. Welt­krie­ges stan­den. Deut­sche schei­nen heute ihr eige­nes Schick­sal ver­ges­sen zu haben.

Wie kann man Elend von Krieg, Tod, Ver­trei­bung und Flucht ver­ges­sen in Anbe­tracht der heu­ti­gen Flücht­lings­welle? NEIN – es gibt keine Ent­schul­di­gung für Men­schen, die die­ses Leid von damals und heute negie­ren oder verharmlosen.

Viele pri­vate Berichte und Bücher schil­dern heute das Ver­gan­gene. For­schun­gen aber exis­tie­ren wenig oder kaum zu dem Thema. Der Schrift­stel­ler und Publi­zist Wolf­gang Bitt­ner schrieb ein hoch lesens­wer­tes, auto­bio­gra­phi­sches Buch über diese und sei­ner Fami­lie Ver­trei­bung – den Roman „Die Hei­mat, der Krieg und der Gol­dene Wes­ten: Ein deut­sches Lebens­bild“. Er schil­dert das dama­lige Leben in Schle­sien aus der Sicht eines Kin­des um 1942, die fol­gende Ver­trei­bung aus sei­nem klei­nen Kind­heits­pa­ra­dies sowie den schwie­ri­gen Neu­an­fang. (3) Ich las das Buch und fühlte mich zurück­ver­setzt in die Kind­heit mei­nes Vaters. Ein Arbeits­heft zu einer Wan­der­aus­stel­lung “Unsere neue Hei­mat – Sach­sen” schil­dert die ent­beh­rungs­rei­chen Lebens­be­din­gun­gen der Ver­trie­be­nen bei der Ankunft in Sach­sen. Es wer­den auch Lebens­be­richte von Betrof­fe­nen, Vor­ge­schich­ten der Fami­lien in der alten Hei­mat sowie Ver­trei­bung und erlit­tene Trau­ma­ti­sie­run­gen the­ma­ti­siert.(4)

Grenzsäule der DDR an der Staatsgrenze zur BRD
Grenz­säule der DDR an der Staats­grenze zur BRD

Ich – ein Frie­dens­sol­dat und Gren­zer – denke viel über Geschichte nach. Der Zweite Welt­krieg brachte nicht nur die Ver­trei­bung. Im Ergeb­nis stand auch die deut­sche Tei­lung und 2 neue deut­sche Natio­nen – an der jeder­zeit brenz­li­gen NAHTLINIE zwi­schen 2 Welt­sys­te­men. Gerade die Men­schen im mitt­le­ren Deutsch­land sind geprägt von der Zeit, beson­ders die an der ehe­ma­li­gen Grenze leben­den Men­schen. Auch in Ger­s­tun­gen, in Thü­rin­gen, im Zen­trum der heu­ti­gen BRD, sollte jeder 3. Haus­halt rück­bli­ckend in sei­ner Fami­lie einen Hin­ter­grund aus dem dama­lige Ereig­nis der Mas­sen­ver­trei­bung nach dem Welt­krieg haben. Und kaum ein Haus in Grenz­ort­schaf­ten der ehe­ma­li­gen DDR, in dem nicht wenigs­tens ein Ange­hö­ri­ger etwas mit den Grenz­trup­pen zu tun hatte – und wenn es nur beruf­li­che bzw. geschäft­li­che Ver­bin­dun­gen waren. Und wie­der gab es gewalt­same Ver­trei­bun­gen, ein schlim­mes Kapi­tel der Ver­trei­bung gan­zer Fami­lien aus dem Grenz­ge­biet, das ich an die­ser Stelle nicht bewerte. Diese Zwangs­aus­sied­lun­gen aus dem Sperr­ge­biet vor allem in groß­an­ge­leg­ten Poli­zei­ak­tio­nen 1952 und 1961 wider­fuhr ent­lang der Demar­ka­ti­ons­li­nie ca. 12.000 Ein­woh­nern – wenn man es im Kon­text mit dem Kriegs­er­geb­nis sieht, auch Ver­trie­bene der Geschichte und des Groß­macht­stre­bens des deut­schen Großkapitals.

Wolf­gang Kiessling (alias Woling – www.port-woling.net, alias Wolle Ing – www.wolle-ing.de)

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Quellen

(1) Braun­schwei­ger Zei­tung, Archiv, Arti­kel Klaus Herr­mann 02.08.2006, Der Schlüs­sel muss außen stecken

(2) Watson.ch, Arti­kel Daniel Huber 27.02.2016, Flücht­lings­schweine – die deut­schen Vertriebenen …

(3) Goet­tin­ger Tage­blatt, Arti­kel 08.06.2019, Kul­tur Regio­nal, Roman, Rezen­sion: Die Hei­mat, der Krieg und der gol­dene Westen

(4) BVS Sach­sen, der Beauf­trag­ten für Ver­trie­bene und Spät­aus­sied­ler, Arbeits­heft zu einer Wan­der­aus­stel­lung ‘Unsere neue Hei­mat – Sachsen’

Nachsatz

Das Thema Erin­ne­rung und Auf­klä­rung bleibt ein am Anfang ste­hen­des Erfor­der­nis – leicht gesagt und schwer getan. Es erfor­dert viel Mut, viele Ideen, Mit­wir­kende, Platt­for­men und eine zuneh­mende sowie enge Ver­net­zung. Port Woling betreibt wei­ter Auf­klä­rung u. a. zu den Themen …

» Anti­fa­schis­mus » Big-Data » Dem­ago­gie » Ermäch­ti­gung » Ethik & Moral » Eutha­na­sie » Exe­ku­tive » Extre­mis­mus » Fana­tis­mus » Faschis­mus » Fata­lis­mus » Finanz­sys­tem » Frak­tale » Freund­schaft » Geden­ken » Glo­bale STASI » Glo­ba­ler Sta­tus quo » Glo­ba­li­tät » Great Reset » Geschichte » Gewalt » Instinkt » Intel­li­genz » Inter­es­sen­kom­plexe » Judi­ka­tive » KI » Krieg » Kriegs­wirt­schaft » Legis­la­tive » Lob­by­is­mus » Macht » Mani­fest » Mani­pu­la­tion » Mas­sen­über­wa­chung » Medien » Mili­ta­ris­mus » Mili­tä­risch-Indus­tri­el­ler-Kom­plex » Neue Moderne » Öko­no­mie » Olig­ar­chie » Pan­de­mie » Par­teien » Patrio­tis­mus » Poli­ti­sche Klasse » Pro­pa­ganda » psy­cho­lo­gi­sche Kriegs­füh­rung » Quan­ten­re­li­gio » Reli­gio­nen » Res­sour­cen » Rote Linie » Schlüs­sel­tech­no­lo­gien » Schein­de­mo­kra­tie » Schwur von Buchen­wald » Sol­dat­sein » Sou­ve­rän » Staats­extre­mis­mus » Tei­len » Ter­ror » Tole­ranz » Tota­ler Staat » Total­im­pe­ria­lis­mus » Tota­li­ta­ris­mus » Umwelt » Ver­fas­sungs­durch­bre­chung » Waf­fen » Wahl­auf­ruf » Wah­len » Wie es begann » Wider­stand » Wifi-Sens­ing und Palan­tir » Whist­le­b­lo­wing » Zio­nis­mus

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