Grenzgeschichte

Kolumne Port Woling – Über Grenzerfahrungen und meine Grenzgeschichte


Ein Grenzer & Soldat über Geschichte

2012 – ehe­ma­li­ger Grenz­bahn­hof – Bild­au­tor: Wolle Ing

Die deut­sche Tei­lung – gerade die Men­schen im mitt­le­ren Deutsch­land sind geprägt von der Zeit. Diese Zeit ist beson­ders Teil der an der ehe­ma­li­gen Grenze leben­den Men­schen. Kaum ein Haus in Grenz­ort­schaf­ten der ehe­ma­li­gen DDR, in dem nicht wenigs­tens ein Ange­hö­ri­ger etwas mit den Grenz­trup­pen zu tun hatte – und wenn es nur beruf­li­che bzw. geschäft­li­che Ver­bin­dun­gen waren. Man musste ja wirt­schaf­ten und leben.

Das schlimmste Kapi­tel die­ser Zeit war sicher die gewalt­sa­men Ver­trei­bun­gen gan­zer Fami­lien aus dem Grenz­ge­biet. Diese → Zwangs­aus­sied­lun­gen aus dem Sperr­ge­biet vor allem in groß­an­ge­leg­ten Poli­zei­ak­tio­nen 1952 und 1961 wider­fuhr ent­lang der Demar­ka­ti­ons­li­nie ca. 12000 Ein­woh­nern. Auch in mei­ner Fami­lie gab es ver­gleich­ba­res Erle­ben – die Flucht und gewalt­same → Ver­trei­bung von über 3,6 Mil­lio­nen Schle­si­ern aus den schle­si­schen Gebie­ten öst­lich der Neiße in Folge des 2. Weltkrieges.

Nach­fol­gend ein Bei­trag über das nicht ein­fa­che Thema “Grenze und Gren­zen, Sol­da­ten und Sol­dat­sein, Werte und Geschichte”. Der Bei­trag wider­spie­gelt ins­be­son­dere per­sön­li­che Erfahrungen.


Ein Mensch – gebo­ren wenige Wochen vor dem Mau­er­bau im Jahr 1961 – Arbei­ter­kind. Jemand nannte mich damals Lum­pen­pro­le­ta­rier – kein Pro­blem und eher eine Ehre. Vor Kur­zem begrub ich mei­nen Vater. Das “Lied vom klei­nen Trom­pe­ter” beglei­tete ihn. Wir sind die nächste Gene­ra­tion, die gehen wird. Treffe ich dann mei­nen Vater wie­der? Bis dahin habe ich noch eine Menge zu ver­ar­bei­ten und zu gestal­ten. Ich wün­sche mir nur die Zeit dafür. Habe ich Sie? Nein – ich nehme sie mir.

Im Jahr 2012 – Bild­au­tor: Wolle Ing

Als ehe­ma­li­ger Berufs­sol­dat der Grenz­trup­pen der DDR von 1980 bis 1990, als Kom­man­deur direkt am »grü­nen Kan­ten« bzw. der Naht­li­nie zwi­schen Ost und West im »Kal­ten Krieg«, der seine Ver­ant­wor­tung gegen­über den ihm unter­stell­ten Men­schen nicht nur als Job sah, als Offi­zier, dem das Wort »Ehre« kein Phrase war, als Ver­folg­ter in der eige­nen Armee, als Mensch, der das Lebens­werk sei­ner Eltern beim Besei­ti­gen der immensen Kriegs­fol­gen als schüt­zens­wert emp­fand, aber auch als ein immer sehr nach­denk­li­cher Mensch messe ich der Geschichte eine beson­dere Bedeu­tung bei – seit ich den­ken kann. Sie arbei­tet in mir – jeden Tag. Und ich schöpfe aus ihr und schaue nach vorn.

Mein Anlie­gen mit nach­fol­gen­den Gedan­ken besteht nicht in einer Geschichts­ver­herr­li­chung und Unter­stüt­zung von Unbe­lehr­ba­ren. Als ehe­ma­li­ger Sol­dat und Mili­tär möchte ich erin­nern an Werte – posi­tive wie nega­tive, die in unse­rer Geschichte, Gegen­wart und Zukunft viel­leicht von Bedeu­tung sind.

Die Ver­gan­gen­heit begrei­fen – auch die eigene – bedeu­tet, per­sön­lich zu wach­sen und sich in die Lage zu ver­set­zen, das Mor­gen im huma­nis­ti­schen Sinne bewusst mit­ge­stal­ten zu kön­nen. Alles Andere ist nur vage und idea­lis­tisch im Ver­such, sich aus dem Tier­reich zu erhe­ben durch gegen­sei­tige Ver­schleie­rung mensch­li­cher und gesell­schaft­li­cher Missstände.

Unser Tun ent­schei­det. Das Ver­gan­gene eines Jeden ist wert­volle Lebens­er­fah­rung. Wich­ti­ger ist den­noch, wie man heute dazu steht – und noch wich­ti­ger, was man gedenkt, in der Zukunft zu tun. Suche in der Ver­gan­gen­heit. Das Ergeb­nis von Erfah­rung und Wis­sen sind Sich­ten. Ent­schei­dend aber ist, heute durch kleine Schritte die Welt zu verändern.

Zer­bro­chen – manch einst wert­vol­ler Kame­rad und Mensch ging wäh­rend und nach die­sen Mili­tär­jah­ren von uns. Mir selbst zer­brach es bald die Seele, wenn ich sol­ches Schick­sal immer wie­der sah. Ich selbst zer­brach bald genauso. Die Fami­lie war meine Ret­tung und die Kame­ra­den. Nicht wenige Freunde sind so gegan­gen. Warum? Weil wir uns plötz­lich in einer ganz ande­ren Welt wie­der­fan­den? In einer zivi­len Welt, in der plötz­lich so man­che uns wich­ti­gen Werte nicht mehr zählten?

Nach der Armee­zeit erwuch­sen vie­len von uns auch grö­ßere, neue, ja fast unge­ahnte Stär­ken. Da, wo andere hin­wol­len, da kamen wir her. Wir bauen dar­auf auf. Unsere vie­len Armee­jahre haben uns in die Lage ver­setzt, zu ver­än­dern und aktiv zu gestal­ten. Neu­gierde hat uns immer vor­an­ge­trie­ben. Sie war und ist unser Weg­wei­ser im Dschun­gel des Unwissens.

Sol­da­ten­ver­gan­gen­heit von uns Län­ger­die­nen­den – warum rede ich hier dar­über? Ich war und bin einer von Ihnen. In wel­chem Dienst­grad auch immer – spielt das eine Rolle? Jeden­falls bin ich jetzt a. D. (außer Dienst) und habe wür­de­voll und in Ehren mei­nen Dienst­grad Haupt­mann behal­ten. Wir wis­sen aber auch, Sol­da­ten ster­ben nicht – sie gehen dahin. Die vie­len Jahre haben uns unwi­der­ruf­lich geprägt. Nichts und Nie­mand in der Welt kann das Löschen, in der Art wie man ein­fach einen Daten­spei­cher löscht.

Stell­ver­tre­tend kann Nie­mand für andere Armee­an­ge­hö­rige spre­chen, nicht für Gren­zer, nicht für Sol­da­ten der NVA oder Bun­des­wehr, nicht für Ange­hö­rige sons­ti­ger bewaff­ne­ter Eli­te­ein­hei­ten und auch nicht für Ange­hö­rige ande­rer Armeen. Wir wis­sen aber – die tiefe Spe­zi­fik ihrer Dienst­auf­ga­ben mit der Waffe in der Hand lässt Sol­da­ten immer wie­der an Gren­zen gelan­gen. Sie erle­ben, dass nicht immer nur der Befehl das Maß der Dinge ist, son­dern ganz im Beson­de­ren der Mensch auch über­mensch­lich gefor­dert ist.

Der Fluch aller Sol­da­ten – sie müs­sen han­deln – und zwar schnel­ler, als es der Gedanke oder nur der reine Instinkt zulässt. Und genau das erfor­dert beson­dere Mecha­nis­men des Zusam­men­wir­kens, beson­dere Prin­zi­pien des Sol­dat­seins und der Truppenführung.

Das Sol­da­ten­schick­sal – man kann es ein­zeln nicht erfas­sen. Man hat das andere Leben nicht gelebt. Also reden wir weni­ger über Andere. Den­ken wir mehr mit uns selbst, um letzt­lich durch unser Sein, hier den Ande­ren Gutes zu geben – und sei es nur unsere Erfah­rung, das Durch- und Erlebte. In die­sem welt­li­chen Sinne leben wir ohne Erwar­tun­gen an Andere.

Geden­ken. Wenn es ob unse­rer gegan­ge­nen Kame­ra­den um Geden­ken geht, den­ken wir auch an die in die­sem Land von Men­schen Ermor­de­ten – ermor­dete Frei­heits­u­chende, ermor­dete Sol­da­ten, ermor­dete Frei­den­ker, Ermor­dete ande­rer Natio­na­li­tä­ten. Und wir sehen in unse­rer Gesell­schaft nach wie vor so viel Blind­heit vor okkul­ten Per­so­nen, Grup­pen und Medien, die wie­der säen das Gift von Dik­ta­tur, töd­li­chem Extre­mis­mus, Ter­ror und Mor­den. Und wir sehen einen ehe­ma­li­gen Bun­des­prä­si­den­ten, der jede Form der Auf­rich­tig­keit mit Stie­feln trat und trotz­dem alle mili­tä­ri­schen Ehren erlangte.

Dann finde wir Ant­wor­ten in Erfah­re­nem und Wer­ten, die wir als Sol­da­ten gelebt haben: Was teilt Men­schen? Gleich­gül­tig­keit. Was eint Men­schen? Kame­rad­schaft. Was trennt Men­schen? Unter­schied­li­che Maß­stäbe. Was ver­lei­tet Men­schen? Dog­men und Unwis­sen. Was eint uns? Die Sehn­sucht. Was hält uns zusam­men? Das → Tei­len. Was lässt uns leben? Die Viel­falt. Was macht uns unbe­sieg­bar? Unsere Lern­be­reit­schaft und Flexibilität.

Das Resü­mee mei­ner mili­tä­ri­schen Lauf­bahn: Sei ein gläu­bi­ger Mensch, ohne einer Reli­gion zu gehö­ren. Glaube an die Wahr­heit, bei der Gefahr dei­nes Unter­gangs. Sei ein fähi­ger Sol­dat, ver­ab­scheue aber eine Armee. Habe Angst und handle furcht­los. Sei Rea­list und ver­su­che das Unmög­li­che! Sei wehr­haft, um stän­dig nach vorn zu stre­ben ohne, dass Wider­stände auf­hal­ten. Sol­da­ten kramp­fen nicht nach Ideen – sie haben sie, beur­tei­len die Lage und fas­sen Ent­schlüsse. Das Sol­da­ten­da­sein hat sie tag­täg­lich in oft schwie­rigs­ten Situa­tio­nen dazu erzogen.

Was macht das Sol­dat­sein aus? Spielt es eine Rolle, in wel­cher Armee man gedient hat? Spielt es eine Rolle, in wel­chem Rang oder Dienst­grad man sei­nen Dienst ver­sah? Gibt es auch Ver­ach­tens­wer­tes? Müs­sen wir uns des­we­gen die Köpfe ein­schla­gen? Kön­nen wir in neuer zivi­li­sier­ter Qua­li­tät die Welt neu begrei­fen und verändern?

Viele Fra­gen – hin­ter denen auch einige mei­ner Posi­tio­nen ste­hen. War jeder Offi­zier in mei­ner ehe­ma­li­gen Armee ein Offi­zier mit wah­rem Ehr­ge­fühl? Nein! Wozu gibt es einen Befehl zur Anwen­dung der Schuss­waffe? Zur Abschre­ckung und zum Schie­ßen – wie in jeder Armee! Kann man einen Fah­nen­eid zwei­mal leis­ten? Nein! Kann man inner­halb einer Armee für eine bes­sere Gesell­schaft kämp­fen? Ja! Was bedeu­tet es, wenn Kame­ra­den eigene Kame­ra­den im Auf­trag von Geheim­diens­ten hin­ter­rücks aus­spio­nie­ren und ver­lo­gen dif­fa­mie­ren? Sträf­lichs­ter Ruf­mord! Was bedeu­tet Fah­nen­flucht? Feig­heit, den Kampf an Ort und Stelle aus­zu­tra­gen und das ver­wirkte Recht zum Tra­gen von Schul­ter­stü­cken. Habe ich hier zu wenig Tole­ranz? Bestimmt nicht, wenn ich bereit bin, über Ver­gan­ge­nes von Ange­sicht zu Ange­sicht zu spre­chen und nicht dar­über Krieg zu führen.

Ver­ges­sen wir nicht die ande­ren Sol­da­ten, die Wehr­dienst­ver­wei­ge­rer, die Spa­ten­sol­da­ten oder die Sol­da­ten, die nur gezwun­ge­ner­ma­ßen ihren Dienst taten. Die Form des “Nicht-Waf­fen­diens­tes” musste jeder Betrof­fe­nen mit sich selbst aus­ma­chen. Kon­se­quente Ver­tre­ter ver­die­nen genauso höchste Aner­ken­nung auf­grund ihrer Gerad­li­nig­keit und Auf­rich­tig­keit, wie sie nicht vie­len Men­schen eigen ist.

Im Jahr 2012 – Bild­au­tor: Wolle Ing

Schwere Ent­schei­dun­gen zur Armee­zeit – ich erin­nere mich daran. Was ist, wenn das Volk mar­schiert? Was ist, wenn deine mili­tä­ri­sche Ein­heit gegen die­ses Volk mar­schie­ren soll? Jeder stand vor die­ser Frage. Nicht Jeder setzte sich damit auseinander.

Ich fand schwere Ant­wor­ten – für mich ganz allein.

Ruf­mord – ich erin­nere mich auch daran, in der eige­nen Armee durch vor­geb­li­che Mit­ka­me­ra­den jah­re­lang aus­spio­niert und in schwers­ter Form dif­fa­miert wor­den zu sein. Man musste mich irgend­wie aus­schal­ten. Ver­ges­sen wir nicht – ein­ge­schleuste Inof­fi­zi­elle mit­ten unter uns Sol­da­ten hatte die­sen dre­cki­gen Job – viel­leicht jeder Zehnte. Meine poli­ti­sche Hal­tung für Frie­den und wirk­li­chen Fort­schritt passte so nicht in die Vor­gabe der mili­tär-poli­ti­schen Befehls­ha­ber. Meine Ein­stel­lung schon immer: “Nie­mand kann einem etwas vor­schrei­ben – nur eins muss man im Leben – für sich selbst Ent­schei­dun­gen tref­fen und dann kon­se­quent danach handeln.” 

Als Ober­lau­sit­zer hatte ich früh­zei­tig diese Ein­stel­lung von mei­nem schle­si­schen Vater gelernt. Man musste mich auch als Offi­zier ver­fol­gen, wenn ich schon nicht bekehr­bar war. Mein Preis für Gedan­ken­frei­heit war hoch. Ich beschloss, dann solle es das kos­ten. Und – es ging auch damals wirk­lich bis an’s unterste mensch­li­che Niveau, mein Leben und gegen eigene Familienangehörige.

Ver­folgt in der eige­nen Armee, der man bedin­gungs­los diente – schi­zo­phren. Die ehe­ma­li­gen Inof­fi­zi­el­len und Hand­lan­ger leben zum Teil heute noch unter uns, in mei­nem Wohn­ort, in mei­ner Nähe – teils auch in ver­ant­wort­li­cher Posi­tion – und kön­nen mei­nen Blick kaum erwi­dern. Sie sind es nicht wert, über sie zu reden. Das wäre nicht meine Art. Nur, Man­cher hat sein fal­sches Werk von damals bis heute nicht gelas­sen. Sie ver­ges­sen, ihr Wir­ken ist in his­to­ri­schen Unter­la­gen verewigt.

Die mili­tä­ri­schen Erfah­run­gen prä­gen heute ganz beson­ders meine mili­tä­ri­sche Sicht. Keine Armee der Welt, kein poli­tisch Vor-Gesetz­ter Zivil-Minis­ter, kein Gene­ral der Welt, kein Sol­dat der Welt, keine Waffe der Welt, Nichts kann die Mensch­heit von den Gei­ßeln und kol­la­te­ra­len Fol­gen von Krie­gen befreien. Es wird NIE mili­tä­ri­sche Sie­ger geben. In dem Sinne sind Kriege höchst unbrauch­bar. Poli­ti­sche Siege aus Krie­gen? Unmo­ra­li­sches Ansin­nen, wie es nicht grö­ßer sein kann. In Gegen­wart und Zukunft set­zen Kriege gar die mensch­li­che Exis­tenz auf’s Spiel. Das liegt in der Natur der unwi­der­ruf­li­chen Zer­stö­rungs­kraft von Waffensystemen.

“Wenn die Obe­ren den Krieg ver­flu­chen, sind die Gestel­lungs­be­fehle schon aus­ge­schrie­ben” (1935, Ber­tolt Brecht).

Kriegs­trei­ber – wer sind sie? Das wis­sen wir aus den Erfah­run­gen der Mili­tär­ge­schichte und unse­rer eige­nen. Las­sen wir uns nie wie­der dafür ein­span­nen. Diese Erkennt­nis hatte ich spä­tes­tens 1989/1990 nach bit­ters­ten Erfah­run­gen in der so genann­ten Vor- und Wen­de­zeit. Damals lehnte ich auf eige­nem Wunsch eine mir ange­bo­tene wei­tere Lauf­bahn ab. Es hatte was mit dem Fah­nen­eid zu tun, aber auch mei­nen inne­ren Kon­flik­ten und Erlebten.

2012 – alte Grenz­säule – Bild­au­tor: Wolle Ing

Ja – ich war Gren­zer in einer Armee an einer glo­ba­len und bri­san­ten Naht­stelle und mit 23 Jah­ren schon Offi­zier. Man­cher steckt da heute noch in sei­ner Lehre. Das vor­an­ge­gan­gene Offi­ziers­stu­dium hatte mich viel Mili­tär­ge­schichte und mili­tä­ri­sches Hand­werk gelehrt – u. a. von Clau­se­witz bis Scharn­horst, Stra­te­gien und Dok­trin, Tak­tik von Boden­trup­pen, Angrei­fen und Ver­tei­di­gen, Auf­klä­ren und getarnte Ope­ra­tio­nen, Geg­ner­struk­tu­ren und Aus­rüs­tun­gen, Waf­fen allen Kali­bers, Schutz vor ABC-Waf­fen, Pan­zer­be­kämp­fung, Kampf­tech­ni­ken, Spe­zi­al­spren­gun­gen, Füh­ren von der Gruppe bis zum Regi­ment, Topo­gra­phie und Nach­rich­ten­we­sen, mate­ri­elle Sicher­stel­lung, Psy­cho­lo­gie, Öko­no­mie und Gesell­schaft, Töten. Man ver­gisst nie!

An den Gren­zen des gro­ßen Waf­fen­bru­ders – der Weg hat mich auch dahin geführt, aber auch an Stät­ten unvor­stell­ba­ren Grau­ens. Ich denke, vor Allem das Grauen muss unbe­dingt ver­mit­telt wer­den. Nur dadurch ergibt sich unsere Chance, dass sich hier mit­ten in Europa die Geschichte nicht wiederholt.

Den Tod und das Töten haben wir gelernt und nicht nur das Ver­tei­di­gen. Ich habe auch viel, bald zu viel dar­über nach­ge­dacht. Die­ses Nach­den­ken nagt regel­recht an der Sub­stanz. Mehr denn je frage ich heute:

“Wel­ches Recht haben Men­schen, Men­schen zu töten?”

Selbst Koran und Bibel leh­ren: “Du sollst nicht töten.” Benö­ti­gen wir zu die­ser Erkennt­nis die Reli­gio­nen, die prak­tisch zu jeder Zeit die­sen Anspruch selbst negie­ren? Allein der reine Unter­schied zwi­schen Han­deln aus Instinkt und Intel­li­genz sollte uns eine Ant­wort geben und vom Tier­reich abhe­ben. Ich frage mich, warum das Ver­bre­chen des Wer­bens um KINDERKRIEGER über­all auf der Welt, auch hier­zu­lande, wei­ter began­gen wird – warum → 17-jäh­rige Krie­ger über­all Objekte der Begierde sind.

Gesund­heit­li­che Fol­gen der Mili­tär­zeit für mich – wen inter­es­siert das heute? Dass Kör­per und Geist enorm dar­un­ter lit­ten und gesund­heit­li­che Fol­ge­schä­den ent­stan­den, will heute Nie­mand wis­sen – erst recht kein Rechts­nach­fol­ger wie die Bundeswehr.

Es war mein Weg – Kom­man­deur und Gren­zer, nach­dem ich ursprüng­lich Phi­lo­so­phie stu­die­ren wollte. Die Zulas­sung für das Stu­dium in Tasch­kent hatte ich 1980 schon in der Tasche. Nicht Alles im Leben ent­schei­det man bewusst. Man­ches wird ein­fach durch ganz bestimmte Umstände gelenkt und geän­dert. Dabei über­se­hen wir manch­mal, dass nicht der Wind die Rich­tung bestimmt. Wir kön­nen die Segel selbst setzen.

Trotz­dem – meine ganz per­sön­li­che Mili­tär­ge­schichte war eng beglei­tet von mir bekann­ten Phi­lo­so­phen und His­to­ri­kern wie Epi­kur, Scho­pen­hauer, Marx oder Nietz­sche. Die Rolle, gan­zen Inhalte und Hei­li­gen Schrif­ten ver­schie­de­ner Reli­gio­nen habe ich mir als aus­ge­wie­se­ner Athe­ist dann spä­ter erschlos­sen – ein­fach aus Respekt vor Anders­gläu­bi­gen und in mei­ner Suche nach Ant­wor­ten und uni­ver­sel­len huma­nen Ideen.

Kriege und Reli­gio­nen – ein spe­zi­el­les Thema. Auch Sol­da­ten haben oft Wür­den­trä­ger in ihren Rei­hen. Ich stelle heute den Reli­gio­nen Fol­gen­des zur Dis­kus­sion: Wo ist das Fami­li­en­ober­haupt, der Vater, der sei­nen zan­ken­den Jün­gern einer jeden Reli­gion einen Denk­zet­tel ver­ord­net und sie auf­for­dert: “Ver­tragt und ergänzt Euch! Ohne den Ande­ren ist jeder von euch ein Nichts! Ver­kün­det das gemein­same Gebot: ‘Du sollst ver­su­chen, Andere zu ver­ste­hen. Lerne zuerst Mensch­lich, dann andere Spra­chen und dann das Teilen.’”

Gren­zer – das Wort ver­birgt mehr. Grenz­wer­ti­ges – das zu leis­ten – ist mein Anspruch – damals, wie heute. Eine ein­zelne Erfah­rung ist wie ein Puz­zle­teil. Die Teile erge­ben ein Bild. Nichts war umsonst. All das ergibt dei­nen Lebens­baum, ein für dich uner­setz­li­ches Poten­tial. Stärke ent­steht aus Zusam­men­ge­hö­rig­keit und Zusam­men­halt. Schritt für Schritt geht es vor­wärts. Das Ent­schei­dende – der nächste Schritt. Danach folgt wie­der ein Schritt. Nicht das Ende ist der Anspruch. Den Weg in Würde gehen – das ist das Ziel des Soldaten.

Und Nichts und Nie­mand in der Welt kann über mich urtei­len, wenn er nicht meine Stie­fel getra­gen hat. Das kann mir auch der Unbe­lehr­bare so abneh­men. Und Nichts und Nie­mand kann uns ehe­ma­li­gen Mili­tärs die bedeut­sa­men Erfah­run­gen, das Wis­sen und die tiefe Mensch­lich­keit von wirk­li­chen Kame­ra­den unter­ein­an­der neh­men – Dinge, die uns auf dem Weg bis zum heu­ti­gen Dasein beglei­tet haben.

Die andere Seite von Ange­hö­ri­gen ver­schie­de­ner Armeen habe ich bis heute auch ken­nen­ge­lernt – in vie­len Begeg­nun­gen – u. a. vom Bun­des­wehr­an­ge­hö­ri­gen, dem als Trupp­füh­rer im Zusam­men­wir­ken mit rus­si­schen Sol­da­ten mit­ten in Europa im ehe­ma­li­gen Jugo­sla­wien die Gra­nat­split­ter um die Ohren flo­gen, vom Sol­da­ten, der in vie­len Gefech­ten Kame­ra­den ver­lor, vom US-Sol­da­ten, der in Kuweit kämpfte, vom Sol­da­ten, der irgendwo auf der Welt irgend­wel­che frem­den poli­ti­schen und wirt­schaft­li­chen Inter­es­sen ver­tritt, von ehe­mals rang­ho­hen und Anfang der 80ger geschass­ten NVA-Kom­man­deu­ren, von Sol­da­ten, denen die Rekru­ten­jä­ger viele hoff­nungs­volle Ver­spre­chun­gen mach­ten, von vie­len Sol­da­ten, die mit schwers­ten psy­chi­schen Trau­mata wie­der zu hause allein gelas­sen werden.

Eine Rede­wen­dung besagt: “Reden ist Sil­ber, Schwei­gen ist Gold.” Ich denke: “Gold weckt nur tie­ri­sche Instinkte. Reden ist aber Anfang & Ende des mensch­li­chen, sinn­erfüll­ten Lebens.” In die­sem Sinne haben Grenz­zei­ten im Sol­da­ten­da­sein ihre Daseins­be­rech­ti­gung, denn sie ber­gen viel his­to­ri­schen Gesprächs­stoff und künf­ti­ges Potential.

Stell dir vor, dass wir Alle vor dem glei­che Dilemma ste­hen. Stell dir vor, dass wir aber auch von glei­chen Wer­ten berei­chert wer­den. Stell Dir vor, dass nicht die Armee, aber dafür die Fahne die­ser Werte stets hoch­ge­hal­ten wird. Stell Dir vor, dass diese Kame­rad­schaft und Mensch­lich­keit alle Gren­zen über­win­det. Wirk­lich glau­ben und wis­sen – das kann ein ehe­ma­li­ger, wah­rer, ehren­haf­ter Soldat.

Mein Traum – es sei mir hier gewährt, aus der Geschichte in die Zukunft abzuleiten:

Ich sehe Tugen­den des Sol­da­ten in einer huma­nis­ti­schen Quan­ten-Reli­gio für alle Men­schen, die Alles mit­ein­an­der dau­er­haft und kon­flikt­frei ver­schrän­ken kann – in einer neuen mensch­li­chen Evo­lu­ti­ons­stufe des Geis­tes. Ver­bun­den mit grund­sätz­lich neuen öko­no­mi­schen Ansät­zen und Lösun­gen in einer künf­ti­gen Zugangs­ge­sell­schaft, die allen Men­schen zur Ver­fü­gung ste­hen, würde ein Weg des fried­li­chen Mit­ein­an­ders aller Reli­gio­nen und Anschau­un­gen wirt­schaft­lich, poli­tisch, reli­giös, ideo­lo­gisch und ethisch-mora­lisch glei­cher­ma­ßen eine Lösung im glo­ba­len Stil bedeuten.

Das Tei­len in Netz­wer­ken ver­schie­dens­ter For­men würde im Vor­der­grund ste­hen und nicht das Eigen­tum. Eigen­tum bremst in der Mobi­li­tät. Die Welt ist glo­bal und inter­stel­lar. Kom­mu­ni­ka­tion ist nicht mehr eine Frage nöti­ger loka­ler Stand­orte oder des Besit­zes, wie Kir­chen, son­dern eine Frage von Zugang, Kul­tur und Tech­no­lo­gie unab­hän­gig von Zeit und Raum.

Gemein­sam erstellt man Netz­werke von Leis­tun­gen, Res­sour­cen und Erfah­run­gen. Gemein­sam nutzt man diese Netz­werke. Wir reden hier nicht von Uto­pie, son­dern Ansät­zen, die sich heute in der Pra­xis her­aus­zu­bil­den begin­nen – siehe z. B. das Inter­net und neue intel­li­gente, dezen­trale Ener­gie­netze, genannt Smart Grid.

Die­ser Weg könnte erst­ma­lig eine welt­um­span­nende, nach­hal­tige Dees­ka­la­tion ein­lei­ten. Sollte die­ser Weg ver­wehrt blei­ben, sehe ich nur die Chance des Unter­gangs mensch­li­cher Zivi­li­sa­tion bedingt durch die fatale Ver­nich­tungs­kraft neuer Tech­no­lo­gien in den fal­schen Händen.

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Hin­weis: Erst­ver­öf­fent­li­chung die­ses Bei­trags unter mei­ner Inter­net-Zei­tung → UiZ im April 2013

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