Die Edelweißpiraten

Wider­stand Port Woling – Wider­stand im Hit­ler­deutsch­land. Auf­rechte wur­den ver­folgt, ein­ge­sperrt, ermor­det. Die Erin­ne­rung bleibt Ver­pflich­tung. In Köln gehör­ten 1942/43 Jugend­li­che zur anti­fa­schis­ti­schen Gruppe “Edel­weiß­pi­ra­ten”


Hin­weis: Quel­len­an­ga­ben der Fuß­no­ten ganz unten

Der Widerstand der Edelweißpiraten

Mül­hei­mer Gruppe der „Edel­weiß­pi­ra­ten“, Foto: NS-Dok., Geschichts­werk­statt Mühlheim

Die­ser Bericht erfolgt im Geden­ken an den akti­ven Wider­stand gegen den Hit­ler­fa­schis­mus, Mili­ta­ris­mus und Krieg der Jugend­gruppe “Edel­weiß­pi­ra­ten” in Köln-Mül­heim, der “Vier­ten Front in Köln“. Mit­glie­der der anti­fa­schis­ti­schen Wider­stands­gruppe wur­den im Hit­ler-Deutsch­land und → Faschis­mus am 10. Novem­ber 1944 an einem Bahn­damm im Köl­ner Stadt­teil Ehren­feld auf Son­der­be­fehl des SS-Füh­rers Hein­rich Himm­ler öffent­lich gehängt. Es geschah zur Abschre­ckung durch die → Gestapo ohne Anklage und Urteil. Die Lei­chen ver­scharrte man anschlie­ßend auf dem Köl­ner Fried­hof Mela­ten in einem Massengrab.

Unter den Ermor­de­ten befan­den sich Gün­ther Schwarz (16), Johann Mül­ler (16), Bar­tho­lo­mäus Schink (16), Gus­tav Ber­mel (17), Franz Rhein­ber­ger (17) und Adolf Schütz (18). Sie waren Kern einer Gruppe von Geg­nern von Krieg und Faschis­mus, mehr­heit­lich aus dem Arbei­ter­mi­lieu. Sie wur­den als Kri­mi­nelle dis­kri­mi­niert und von Hit­lers Gehei­mer Staats­po­li­zei (Gestapo) als Ter­ro­ris­ten und “Gemein­schafts­schäd­linge” gejagt, gefol­tert und ermordet.

Das Schlimme und nicht sel­ten im west­li­chen Nach­kriegs-Deutsch­land, der BRD, – die Büro­kra­tie stem­pelte sie wei­ter als Kri­mi­nelle ab (auf Basis der Akten der Gestapo). Ver­bre­cher oder “ent­wur­zelte Row­dys” wur­den sie beschimpft. Jahr­zehn­te­lang bemüh­ten sich Gerichte, Behör­den und Poli­ti­ker der BRD, den Wider­stand der meist aus dem Arbei­ter­mi­lieu stam­men­den Jugend­li­chen zu dis­kri­mi­nie­ren. Die Geschichts­schrei­bung mochte ihnen bis in die 80er-Jahre nicht den Sta­tus von Wider­stands­kämp­fern zubil­li­gen. Nach dem Krieg kämpf­ten Schinks Mut­ter und Schwes­ter beim Köl­ner Regie­rungs­prä­si­di­ums um Ent­schä­di­gung – erfolglos.

Erst im Jahr 2005 reha­bi­li­tierte der Köl­ner Regie­rungs­prä­si­dent Jür­gen Rot­ers die Edel­weiß­pi­ra­ten in einer offi­zi­el­len Zere­mo­nie. Die Ehrung für die Ermor­de­ten erfolgte spät, aber sie erfolgte. Ein Vor­schlag, eine sol­che, längst fäl­lige offi­zi­elle Aner­ken­nung durch die oberste Reprä­sen­tanz der BRD aus­zu­spre­chen, den man im Jahr 2008 an den dama­li­gen Bun­des­prä­si­den­ten Horst Köh­ler rich­tete, hatte offen­bar Erfolg. Zustän­dige wühl­ten sich durch die Faschis­ten-Akten, nah­men jedoch Abstand davon, über­le­bende Zeit­zeu­gen aus­gie­big zu befra­gen. Trotz­dem, der Köl­ner OB machte hier eine rühm­li­che Aus­nahme. Er über­reichte Ver­dienst­kreuze, weil sie poli­ti­schen Wider­stand im bes­ten Sinne des Wor­tes gegen den Hit­ler­fa­schis­mus und Krieg geleis­tet hatten.

Schil­de­run­gen der gewür­dig­ten Zeit­zeu­gen und Mit­glie­der der Edel­weiß­pi­ra­ten Fritz Thei­len, Wolf­gang Schwarz, Cilly Mevis­sen, Toni Fleisch­hauer, Sofie Röse­ler, Jean Jülich und Ger­trud Koch konn­ten spät in der Öffent­lich­keit ver­nom­men wer­den. Die NRhZ berich­tete dar­über.1

Edel­weiß­pi­rat Bar­tho­lo­mäus Schink, mit 16 Jah­ren ermor­det, NRhZ-Archiv

Zur Reha­bi­li­ta­tion und Aner­ken­nung ihrer Leis­tung tru­gen wesent­lich auch umfas­sende Recher­chen von Peter Fin­kel­gruen bei. Seit Ende der 1970er Jahre sam­melte er Infor­ma­tio­nen von Zeit­zeu­gen sowie His­to­ri­kern und rekon­stru­ierte Bei­träge zu Bio­gra­fien ein­zel­ner Edel­weiß­pi­ra­ten. Mit gro­ßem Nach­druck und Ergeb­nis geschah die Reha­bi­li­ta­tion der drei Wider­ständ­ler Jean Jülich, Baetho­lo­mäus Schink und Michael Jovy auf­grund der Zuar­beit der israe­li­sche Shoah-Gedenk­stätte Yad Vas­hem im Jahr 1984. In der Gedenk­stätte waren Bio­gra­fien und gesell­schaft­li­che Posi­tio­nen reprä­sen­tiert. Vor 40 Jah­ren ver­fasste Peter Fin­kel­gruen ein Buch über die Köl­ner Edel­weiß­pi­ra­ten. Sein Buch blieb unge­druckt. Peter Fin­kel­gruens Pio­nier­leis­tung wurde aber im Inter­net ver­öf­fent­licht.2

1942/43 gehör­ten in Köln Hun­derte im Alter zwi­schen 14 und 17 Jah­ren – ja zeit­wei­lig bis zu 3500 Jugend­li­che – zur oppo­si­tio­nel­len und anti­fa­schis­ti­schen Jugend­gruppe “Edel­weiß­pi­ra­ten”. Die Motive ihrer Mit­glie­der waren viel­fäl­tig. So war es der Wunsch, sich von auto­ri­tä­ren Struk­tu­ren im Hit­ler­deutsch­land, wie der Hit­ler­ju­gend abzu­gren­zen – u. a. mit län­ge­ren Haa­ren, läs­si­ger Kluft, die Gitarre in der Hand, ver­bo­te­nen, bün­di­schen Lie­dern und Naturverbundenheit.

Diese Pro­test­hal­tung stei­gerte sich in Anti­kriegs­ak­tio­nen, u. a. mit dem Malen anti­fa­schis­ti­scher Paro­len und Infor­ma­tio­nen aus abge­hör­ter “Fein­des­be­richt­erstat­tung” an Wän­den und Brü­cken – oft, wenn die Stra­ßen leer waren zu den Flie­ger­bom­ben­an­grif­fen. In akti­ven Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit der Hit­ler­ju­gend ris­kier­ten sie ihr Dasein. In den zuneh­men­den Trüm­mern Kölns hal­fen sie auch, Juden zu ver­ste­cken und sie mit Lebens­mit­teln zu ver­sor­gen. Sie ver­teil­ten regime­kri­ti­sche Flug­blät­ter – ähn­lich wie die Geschwis­ter Scholl in Mün­chen – und lie­ßen sogar kriegs­wich­tige Wag­gons entgleisen.

Die Jugend­li­chen wur­den zu Dele­gi­ti­mie­rern, Staats­fein­den und Hoch­ver­rä­tern erklärt. Das Regime ver­folgte sie mit zuneh­men­der Härte. Über den “All­tag” des Wider­stands­kampf berich­tet eine Doku. des ehe­ma­li­gen Poli­zei­ge­fäng­nis­ses Klap­per­feld in Frank­furt am Main:

“Da es im Reichs­straf­ge­setz­buch keine Straf­be­stim­mun­gen für jugend­li­che Cli­quen­bil­dung gab, wur­den all­ge­meine Straf­be­stim­mun­gen her­an­ge­zo­gen, um sie auf die Jugend­li­chen anzu­wen­den. Die­ses wurde in den so genann­ten »Richt­li­nien zur Bekämp­fung jugend­li­cher Cli­quen« am 25.10.1944 von Eric Kal­ten­brun­ner (pro­mi­nen­ter NS-Jurist) fest­ge­legt. Schon vor die­sem Richt­li­ni­en­erlass bestimmte die staat­li­che Repres­sion den Wider­stands­all­tag. Eine Lehr­stelle zu bekom­men oder die Schule zu besu­chen war für sie bei­nahe unmög­lich. Die Repres­si­ons­maß­nah­men beschränk­ten sich nicht auf Spit­zel­tum, Denun­zia­tion und Gestapo-Ter­ror. Das NS-Regime bestrafte die oppo­si­tio­nel­len Jugend­li­chen mit Für­sor­ge­er­zie­hung, Gefäng­nis, Jugend-KZ und schreckte auch vor der Todes­strafe nicht zurück. Bereits 1940 wurde das Jugend-KZ Mor­in­gen ein­ge­rich­tet. Hier wur­den »unan­ge­passte« Jugend­li­che dau­er­in­haf­tiert. Viele Edel­weiß­pi­ra­ten gehör­ten zu den ca. 1.000 Häft­lin­gen. Ein Groß­teil der Grup­pen­mit­glie­der kannte sich nur mit dem Spitz- oder dem Vor­na­men, was auch ein Schutz bei Fol­ter-Ver­hö­ren war. 1943 ent­schlos­sen sich einige Mit­glie­der der Edel­weiß­pi­ra­ten, in die Ille­ga­li­tät zu gehen ….”3

Wie viele der Edel­weiß­pi­ra­ten Opfer der faschis­ti­schen Scher­gen wur­den, ist nur grob in Zah­len fass­bar. Seit den 1980er Jah­ren ver­öf­fent­lich­ten ehe­ma­lige Edel­weiß­pi­ra­ten bio­gra­fi­sche Texte als wert­volle Grund­lage für die geschicht­li­che Auf­ar­bei­tung und im Kampf gegen Geschicht­re­vi­sio­nis­mus. Der Kampf um die Erin­ne­rung ist nicht been­det – und die Erin­ne­rung selbst ist immer bedeut­sam. Sie darf NIE enden, wenn sich der offene Faschis­mus wie damals nicht wie­der­ho­len soll. Wie die Anfänge aus­se­hen, erle­ben wir heute wie­der – Jeder kann es sehen.

Das Por­tal “Ler­nen aus der Geschichte” ver­mit­telte einen Bei­trag zur Erin­ne­rung an einen der bedeu­tends­ten Edel­weiß­pi­ra­ten Jean Jülich – 1929 in Köln gebo­ren und aufgewachsen:

“Unter ärm­li­chen Bedin­gun­gen auf­ge­wach­sen, schloss Jülich sich mit 13 Jah­ren den Köln-Sül­zer Edel­weiß­pi­ra­ten an. … Jülichs Vater war kom­mu­nis­ti­scher Funk­tio­när, der ab 1932 in der Ille­ga­li­tät arbei­tete. Die gewalt­same Fest­nahme sei­nes Vaters im Jahr 1936 erlebte der Sie­ben­jäh­rige vol­ler Ohn­machts­ge­fühle. Jean lebte mal bei sei­ner Oma, mal in Wai­sen­häu­sern. Die Tref­fen mit Köl­ner Jugend­li­chen – ins­be­son­dere mit Ferdi Stein­gass –, … form­ten sein Lebens­ge­fühl. Die gemein­sa­men Aus­flüge ins Sie­ben­ge­birge und zu länd­lich gele­ge­nen Seen mit ihrer eige­nen Klei­dung, dem auf­ge­steck­ten Edel­weiß und ihren Lie­dern, Jean mit Gitarre, stärk­ten seine Bereit­schaft, das natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Sys­tem nicht zu akzep­tie­ren. Jülich betei­ligte sich gemein­sam mit engen Freund*innen an lebens­ge­fähr­li­chen anti­fa­schis­ti­schen Wider­stands­ak­tio­nen … Im Novem­ber 1944 wurde Jülich inhaf­tiert. Wenige Tage spä­ter, am 10.11.1944, wur­den sechs Edel­weiß­pi­ra­ten und 7 wei­tere Wider­ständ­ler, … öffent­lich hin­ge­rich­tet. Über drei Jahr­zehnte lang blieb die­ser Mord in Köln unerin­nert.”4

Die Geschichts­werk­statt Mühl­heim berich­tet gleich­falls über die wider­stän­dige Jugend der Edel­weiß­pi­ra­ten. Sie sam­melte Infor­ma­tio­nen u. a. in alten Pro­zess­un­ter­la­gen über Mit­glie­der der Gruppe nach deren Ver­haf­tung. So wird berichtet:

“Im Herbst 1943 wur­den diese Jugend­li­chen ver­stärkt von der HJ drang­sa­liert und von der Gestapo ver­folgt. Am 12. Sep­tem­ber hielt die Gestapo eine Raz­zia auf dem Schiff nach Königs­win­ter ab. Am 13. Okto­ber 1943 wur­den in einer groß ange­leg­ten Ver­haf­tungs­ak­tion von Gestapo und HJ-Strei­fen­dienst 30 Mül­hei­mer Jugend­li­che fest­ge­nom­men und in das Arbeits­la­ger und Gesta­po­ge­fäng­nis Brau­wei­ler gebracht.”5

Wolf­gang Kiessling (alias Woling – www.port-woling.net, alias Wolle Ing – www.wolle-ing.de)

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Fußnoten / Quellen
  1. NRhZ, Neue Rhei­ni­sche Zei­tung, Von Alex­an­der Goeb am 20.04.2011, Fünf “Edel­weiß­pi­ra­ten” im Köl­ner Rat­haus aus­ge­zeich­net – Inter­views, Keine Ehrung für die Ermor­de­ten, 21.11.2025
  2. Haga­lil, Jüdi­sches Leben Online, „Soweit er Jude war…“, Mori­tat von der Bewäl­ti­gung des Wider­stan­des – die Edel­weiß­pi­ra­ten als Vierte Front in Köln 1944, von Peter Fin­kel­gruen (1981), 21.11.2025
  3. Klap­per­feld, ehe­ma­li­ges Poli­zei­ge­fäng­nis Klap­per­feld, Dau­er­aus­stel­lun­gen, Edel­weiß­pi­ra­ten, 21.11.2025
  4. Ler­nen aus der Geschichte, Zur Dis­kus­sion, Die Köl­ner Edel­weiß­pi­ra­ten „als Vierte Front in Köln“, Kri­mi­na­li­sie­rung ver­sus Aner­ken­nung des jugend­li­chen poli­ti­schen Wider­stan­des, 21.11.2025
  5. Geschichts­werk­statt Mühl­heim, Edel­weiß­pi­ra­ten in Köln-Mül­heim, PDF-Doku­ment, 21.11.2025
Nachsatz

Das Thema Erin­ne­rung und Auf­klä­rung bleibt ein am Anfang ste­hen­des Erfor­der­nis – leicht gesagt und schwer getan. Es erfor­dert viel Mut, viele Ideen, Mit­wir­kende, Platt­for­men und eine zuneh­mende sowie enge Ver­net­zung. Port Woling betreibt wei­ter Auf­klä­rung u.a. zu den Themen …

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